Ich erinnere mich ziemlich genau an diesen Anruf: Anfang des Jahres 2005 meldete sich eine Redakteurin bei mir und bat mich, doch mal einen längeren Text über Feminismus zu schreiben. Feminismus, dachte ich, als ich ganz freundlich mit ihr sprach, was sollte das denn sein? Wo kam überhaupt dieses Wort her? Was hatte ich damit zu tun? Und: Für wen in aller Welt war das denn noch ein Thema? Gerhard Schröder schwächelte bereits erkennbar. Angela Merkel könnte in wenigen Monaten die erste Bundeskanzlerin sein. Das bewies doch hinreichend, dass Frauen heute alle Türen offenstanden und dass sie außer Papst und Fußballbundestrainer im Prinzip wirklich alles werden konnten. Dachte ich.

Ich rief daraufhin meine Freundin Elisabeth Raether an (heute ZEIT-Redakteurin), die, anders als ich, nicht aus dem Osten stammt. Ich erzählte ihr von dieser komischen Idee. Und eigentlich war sie es, die mich überredete zuzusagen. Wir lasen dann vier Wochen lang Frauenzeitschriften, diskutierten über unsere Lektüren, und ich schrieb darüber einen Text, für den ich so viele Leserbriefe bekam wie noch nie zuvor in meinem Leben. Offenbar gab es sehr viele junge Frauen, die – anders als ich selbst damals – inzwischen der festen Meinung waren, dass Feminismus wieder ein Thema sein sollte. Ich war von dieser Reaktion sehr überrascht.

Und hatte diese Erkenntnis nicht zuletzt Elisabeth zu verdanken. Sie, die in Heidelberg aufgewachsen und deren Mutter wie viele ihrer Generation Feministin gewesen war, kannte sich in solchen Fragen aus. Ich selbst hatte davon keine große Ahnung oder anders gesagt, ich attestierte mir selbst ein gesundes Selbstbewusstsein und war der Ansicht, das werde schon ausreichen. Ich dachte, wir im Osten brauchen keinen Feminismus.

Ohne es freilich zu wissen oder auch nur zu ahnen, waren Elisabeth und ich darin sehr typisch west- und ostdeutsch. Wir schrieben später ein gemeinsames Buch, Neue deutsche Mädchen. Ich glaube, was wir im Kleinen erlebt haben, passierte auch im Großen.

Offensichtlich ist in den vergangenen Jahren im Feminismus das Beste aus beiden Welten zusammengekommen: die Strukturen, das Selbstbewusstsein und die gelebte Praxis aus dem Osten – und das Wissen, das Wollen und die Kampagnenfähigkeit aus dem Westen. Stück für Stück entstand so jener neue Feminismus, der seit ungefähr zehn Jahren immer stärker in die Öffentlichkeit drängt. Während die meisten Diskussionen in Ost und West noch verschieden geführt werden, mitunter auch verschieden geführt werden müssen, hat der Feminismus eine sehr interessante Entwicklung genommen: Die Frauen aus ganz Deutschland engagieren sich gemeinsam.

Noch dazu hat der Westen keine Probleme mehr damit, in Emanzipationsfragen vom Osten zu lernen. Die Geschichte des neuen Feminismus gehört damit zu den schönsten und gelungensten Kapiteln unserer Wiedervereinigungsgeschichte. So richtig klar wurde das erst in den vergangenen Jahren.

Die Entwicklung des Ost-West-Feminismus hat drei entscheidende Wegmarken. Die erste: Nach der Wiedervereinigung gelang es den Frauen aus Ost und West noch nicht, eine gesamtdeutsche Frauenbewegung ins Leben zu rufen – trotz zahlreicher gut gemeinter Versuche. Die Erfahrungen und Prägungen in beiden Landesteilen waren einfach zu verschieden. Die zweite Wegmarke: Nachdem Angela Merkel im Jahr 2005 Bundeskanzlerin geworden war, gerieten Gleichberechtigungsfragen wieder stärker in den Blick. Bevor sich dann, die dritte Wegmarke, einige Jahre später immer mehr jüngere Frauen, also aus den Generationen, die mit und nach der Wende erwachsen geworden waren, lautstark zu Wort meldeten. Und zusammenschlossen.

Diese jungen Frauen kamen von Anfang an ganz selbstverständlich aus Ost und West. 2008 erschienen, parallel zu unserem Buch, weitere, die das zum Ausdruck brachten. Vor allem Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Zwei der Autorinnen, Meredith Haaf und Barbara Streidl, kamen aus Westdeutschland, die Dritte im Bund, Susanne Klingner, stammt aus Ostberlin. Eine der Chefredakteurinnen des einflussreichen feministischen Missy Magazins, Katrin Gottschalk, kommt ursprünglich aus Dresden; mittlerweile gehört sie der Chefredaktion der taz an. Als die stern-Redakteurin Laura Himmelreich Anfang 2013 ihr Brüderle-Porträt Ein Herrenwitz veröffentlichte, löste das eine landesweite Debatte über Sexismus aus. Und diese Debatte nahm in den sozialen Netzwerken erst deshalb richtig Fahrt auf, weil die aus Brandenburg stammende Anne Wizorek den Hashtag #aufschrei initiierte – und Tausende Frauen auf dieser virtuellen Plattform nun ebenfalls ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus dokumentieren konnten.