Haben Sie eigentlich noch ein Fotoalbum? So ein richtiges, in das man die Bilder mit kleinen Dreiecken heftete, eins mit verstärkten Seiten und transparentem Papier dazwischen? Das man durchscrollt, indem man umblättert, um dann in Familienerinnerungen, Gelächter über unsägliche Frisuren und Modesünden zu versinken? Vielleicht auch hin und wieder in einem Seufzen, weil manch einer im Freundeskreis schon lange nicht mehr ist? Bestimmt.

Als ich vor Kurzem meine Mutter besuchte, bescherte uns der Fund eines solchen, in schwarzbraunes Leder eingebundenen Albums einen wunderbar kurzweiligen Nachmittag. Besondere Heiterkeit rief der Vergleich unser beider Konfirmationsfotos hervor. Neidlos gestand ich ihr den Sieg zu.

In der DDR wurde die Konfirmation ab den fünfziger Jahren von der weltlichen Variante, der Jugendweihe, verdrängt. Ganz abschaffen allerdings ließ sich erstere nie. Gleiches gilt für die Jugendweihe, die die Wende überlebte – obschon fortan mit bedeutend geringerer Reichweite.

Letztens war ich zu einer Jugendweihefeier eingeladen. Es war die erste seit dem Mauerfall, die ich erlebte. Überdies die erste im Leipziger Gewandhaus. Ich war neugierig. Und überrascht.

Nicht von den 14-Jährigen, die allesamt dem Anlass entsprechend hübsch gemacht erschienen. Auch nicht über deren heldenhaft überspielte Nervosität. Alles in allem waren diese Hundertschaften junger Menschen ein anrührendes und zuweilen schmunzelnmachendes Bild: die Mädchen viel erwachsener wirkend, die Jungs manchmal um ein, zwei Köpfe überragend. Selbst wenn man(n) Hut trug. Es war vielmehr der Geist der Veranstaltung, der Fragen aufwarf.

"Ihr seid jetzt vierzehn", hieß es etwa in den Reden. Und mit "Ihr habt lange Arme, und die erste Liebe ist schon ... fast vergessen" blitzte anfangs hoffnungsvoll ein Fünkchen Humor auf, um sich dann jedoch in nebulöseren Andeutungen über den hinreichend bekannten Generationenkonflikt mit Pubertierenden zu verlieren. Irgendwann landete man beim allgemeinen Wünschen. Vor allem seien "Gesundheit und Glück" notwendig. Alles sicher nichts Falsches.

Je mehr man allerdings über all das nachdachte, desto ratloser saß man auf der Empore. Denn was in aller Welt kann man Jugendlichen heute noch als gesichert mit auf den Weg geben? Wie kann man Zuversicht vermitteln, wenn man sich selbst als Passagier auf einem Narrenschiff fühlt, das auf dem Meer der Weltpolitik gerade immer wieder gefährlich ins Wanken zu geraten scheint?