Womit fängt eine Bewegung an? Mit einem Logo natürlich. Da trifft es sich gut, dass Jessica Frische Grafikerin und Illustratorin ist. Frische fing an zu zeichnen, sie entwarf eine geballte Faust vor einem grünen Blatt, darunter der Schriftzug: "Viva la vegetation!"

Die Vegetation: Das sind die Bäume und Büsche in dem Hinterhof an der Bartelsstraße im Schanzenviertel, wo sie wohnt. Vom Schlafzimmerfenster der alleinerziehenden Mutter einer zweijährigen Tochter hat man einen guten Blick auf das etwas struppige Areal. "Das ist so schön ruhig hier", sagt sie. "Bisher hat sich eben keiner für unseren Innenhof interessiert." Für Frische ist das hier ein Biotop mitten in einem eng bebauten Szeneviertel, und die 45-Jährige will, dass das so bleibt.

Das Problem: Das Grün soll jetzt einem Wohnhaus weichen. Mitten in ihren Hinterhof will ein Investor zwölf Eigentumswohnungen bauen.

Dafür die schöne, verwilderte Hinterhof-Unordnung aufgeben, die sie so lieb gewonnen hat? Auf keinen Fall, findet Frische. Mit anderen Anwohnern hat sie eine Initiative gegründet, um die Bebauung zu verhindern.

Der Streit um Frisches Biotop ist typisch für die Konflikte, die der Bauboom der Stadt beschert. Mehr als 10.000 Wohnungen werden jährlich in Hamburg errichtet, so viele wie seit den Siebzigern nicht mehr. Und wer nicht will, dass sich die Stadt in ihr Umland frisst, dem bleibt nur eine Alternative: Wohnungen in Hinter- und Innenhöfen, in Baulücken, auf dem Gebiet von Kleingärten und auf Dächern. 85 Prozent der Neubautätigkeit, so hat es SPD-Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt angekündigt, soll durch solche Nachverdichtung entstehen – jetzt also auch in der Bartelsstraße.

"Es gibt doch genug Leerstand, Brachen und Büroflächen, auf denen man bauen könnte"

Wer sind die Gegner? Zu den Treffen der Anwohnerinitiative kommen bis zu 20 Nachbarn, 40 sind im E-Mail-Verteiler. Sind das alles Schanzen-Hipster, die ihren Besitzstand wahren wollen, sogenannte Nimbys? Nimby, das steht für Not in my Backyard, so werden Verhinderungsbürger im angelsächsischen Sprachraum genannt, die generell betrachtet nichts gegen den Bau von Wohnungen, Stromleitungen oder Windrädern haben, nur eben auf keinen Fall bei sich.

Frische und zwei weitere Mitstreiter sitzen in der engen Küche im zweiten Obergeschoss und widersprechen. Das Problem sei, dass ihnen nun das Wenige genommen werden solle, das sie hätten. Ihre Wohnungen liegen in Nachkriegs-Mietskasernen und haben niedrige Decken, zwischen acht und zehn Euro Warmmiete kostet hier der Quadratmeter. Die Häuser haben in den vergangenen Jahren zweimal den Eigentümer gewechselt, jetzt kommt immer pünktlich nach der Veröffentlichung des neuen Mietenspiegels die Mieterhöhung. "Vier Tage vor Weihnachten kam der Brief bei mir an, acht Euro mehr pro Monat muss ich jetzt zahlen", sagt Frische.