Christus in den Arm nehmen, weil er seine Arbeit am Foto-Set so bravourös machte. An Marias Teint noch einmal Hand anlegen in der Maske oder die letzten rotgoldenen Locken drapieren, bevor sich der "musizierende Engel" hinter seine Lautenattrappe setzt, um eine frappierend ähnliche Figur abzugeben wie im berühmten Original von Rosso Fiorentino.

In den Vatikanischen Museen ist derzeit die Ausstellung "Divine Creature – Göttliche Geschöpfe" zu sehen. Sie stellt einen interessanten Zusammenhang her zwischen Heiligen und behinderten Menschen. Was die beiden miteinander verbindet, lässt sich wohl am besten mit dem Begriff "Stigma" beschreiben, und das in seiner doppelten Bedeutung. Zum einen bedeuten Stigmata die Wunden, die dem Heiland bei seiner Kreuzigung zugefügt wurden. Zum anderen steht Stigma für die negative Kennzeichnung. Ein Schandmal, das den stigmatisierten Menschen zum Aussätzigen macht, der dann aus der Menschheit ausgeschlossen wird.

Das Projekt des Pisaner Fotografen Leonardo Baldini, der sich mit seinen cinematografischen Bildern in Werbung und Mode einen Namen machte, will das genaue Gegenteil bewirken. In seinen Augen war es kein geringes Wagnis, 45 Menschen mit Behinderung, begleitet von ihren Familien, zur Mitarbeit an "Lebenden Bildern" einzuladen, um zehn bekannte christliche Kunstwerke neu erstehen zu lassen, indem sie plastisch nachgestellt werden. Darunter die berühmte "Maria der Verkündigung" von Antonello da Messina oder Andrea Mantegnas "Beweinung Christi".

Die Fotoausstellung in Rom wird durch Reproduktionen der Originale bereichert, die den direkten Vergleich ermöglichen. Premiere hatte die ungewöhnliche Bilderschau 2017 im Dommuseum von Florenz. Der Katalog wird bereichert durch eine Serie sehr anschaulicher "Making-of"-Aufnahmen. Sie geben Aufschluss darüber, wie viel Aufwand für die Nachstellung eines jeden Bildes nötig war, um das Set so einzurichten, dass es in Licht- und Farbstimmung dem Original entsprach. Durchschnittlich erforderte jedes Bild einen Tag Arbeit mit den Darstellern, zusätzlich vieler Stunden der Bildbearbeitung in der Postproduktion, in der das "virtuelle Puzzle" dann zusammengefügt wurde.

Insgesamt hat die Entstehung des Projektes sechs Monate gedauert und, so der Fotograf, als technisches Personal 15 Mitarbeiter beschäftigt. Baldini, dessen Arbeiten stets erst in der Postproduktion den letzten Schliff bekommen, sagte im Gespräch mit Christ&Welt über seine Arbeit: "Du musst schon genau wissen, was du am Set fotografieren willst und auf welche Weise. In der Postproduktion, die ich immer ganz alleine gestalte, übertrage ich gewissermaßen die Skizze wie der Maler auf die Leinwand." Normalerweise sei er als Fotograf gewohnt, jedes Detail am Set zu organisieren mit "mathematischer Exaktheit". Das konnte er bei der Arbeit mit seinen behinderten Protagonisten in diesem Projekt vergessen. "Sie rissen mich in eine vollkommen andere Welt der Gefühle und Reaktionen und zwangen mich, meine Herangehensweise zu ändern."

Dabei ging es ihm offenbar nie darum, die Gesten der Gestalten in den Gemälden exakt zu kopieren. Lediglich die Hauptbewegungen sollten nachgeahmt werden. Die Darsteller konnten die Szene selbst interpretieren und ein eigenes Verständnis von den Bildern entwickeln. Selbstbewusst und immer reaktionsbereit hätten sich die Mitwirkenden jedes Mal bis zu dem Moment hindurchgekämpft, da sie sich den Bildern optisch und kognitiv angeglichen hatten. Die Protagonisten warteten geduldig während langer Make-up-Sitzungen, weinten, wenn sie glaubten, noch nicht ihr Bestes gegeben zu haben, und freuten sich, wenn sie merkten, dass sie es geschafft hatten.

Dass es bei einer optischen Heiligeninszenierung äußerst profan zugeht, war eine wesentliche gemeinsame Erkenntnis der Projekt-Beteiligten. Die Darsteller beschwerten sich schon mal beim Technik-Team, wenn die Grenze der Zumutbarkeit überschritten wurde, ob nun versehentlich oder nicht. Jedes Motiv musste schließlich in einer Blackbox einzeln abgelichtet werden, die verschiedenen optischen Elemente wurden in der Postproduktion wieder zusammengeführt. Das hatte den Vorteil, dass die Crew auf die Bedürfnisse, die der Behinderung ihrer Darsteller geschuldet waren, besser eingehen konnte. Zur Stressminderung trug auch bei, dass für Baldinis Verfahrenstechnik nicht der perfekte Moment des Kameraklicks entscheidend war, sondern erst in der Postproduktion das Bild komplettiert wird.

Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Ausstellungsprojekt hatte der Regisseur und Drehbuchschreiber Adamo Antonacci. Er unterhält in Florenz eine Firma für Medienproduktion und gab dem Fotografen Baldini den Auftrag, überzeugt davon, dass Menschen mit Behinderung "der Spiegel Christi" seien.