Für Karl-Hermann Kliewe lief es auch schon mal besser. Da prügelten sich die Handwerker beinahe um seine Aufträge. Schließlich leitet Kliewe im thüringischen Jena die kommunale Immobilienfirma KIJ und kann jedes Jahr Dutzende Millionen Euro für Neubauten, Sanierungen oder Renovierungen ausgeben. "Früher haben wir für eine Ausschreibung 15 oder 17 Bewerbungen bekommen, heute sind es manchmal noch drei", sagt er.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Stadion. Das Fußballstadion am Ernst-Abbe-Sportfeld soll ein Flutlicht bekommen, eines, das hell genug für die zweite und dritte Liga ist. Kliewe musste die erste Ausschreibung zurückziehen, weil die Preisvorstellungen der wenigen Bewerber weit über den seinen lagen. Seither ist das Thema in der Ostthüringer Zeitung ein Dauerbrenner. Kliewe drohte Anfang Dezember dem späteren Auftragnehmer sogar damit, ihm den Auftrag zu entziehen, weil sich der Bau verzögerte. 

Kliewe glaubt, dass viele Handwerker sein Geld nicht brauchen. "Manche Firmen haben es nicht mehr nötig, jede Ausschreibung zu bedienen", sagt er. "Die wenigen Angebote, die dann reinkommen, sind sehr gut kalkuliert. Man merkt an den Preisen, sie wollen den Auftrag nicht unbedingt haben."

Sie suchen einen Dachdecker oder einen Klempner? Das kann dauern

Hausverwaltungen, Vermieter und private Bauherren in ganz Deutschland kennen die Terminprobleme mit Dachdeckern, Klempnern, Fensterbauern und Fliesenlegern. Neun oder zehn Wochen Wartezeit, sagt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), seien derzeit üblich. Hört man sich bei großen Auftraggebern um, sollen es gar mehrere Monate sein, die sie in der Regel warten müssen – wenn sie überhaupt jemanden finden.

Schuld an der Entwicklung ist der aktuelle Bau- und Immobilienboom, den die billigen Kreditzinsen antreiben. Die Preise für Bauleistungen an neuen Wohngebäuden sind im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent gestiegen, berichtet die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht. Zugleich verschärft der Gesetzgeber laufend die Vorschriften, etwa zu Brandschutz und Wärmedämmung. Da müssen meist Profis statt Heimwerker ran. Doch die Nachfrage nach Handwerkern ist viel größer als das Angebot.

In der Marktwirtschaft würde man nun erwarten, dass die Preise steigen und sich neue Anbieter etablieren, um daran zu verdienen. Doch das funktioniert nicht. Nicht einmal in Karl-Hermann Kliewes Jena, obwohl die Bürger dort mehr fürs Bauen ausgeben als in jeder anderen deutschen Stadt. Durchschnittlich 2.700 Euro pro Einwohner waren es dem Statistischen Bundesamt zufolge im Jahr 2016. Trotzdem sind die Handwerker knapp.

Umsatz ist nicht Gewinn

So setzt sich der Preis einer Handwerkerstunde von 57,60 Euro zusammen.

Handwerkskammer Stuttgart © ZEIT-Grafik

Woran liegt das nur?

Wer sich unter Jenaer Handwerkern umhört, begegnet einerseits Selbstgewissheit und Zufriedenheit. Sie sagen: "Früher wurden wir schikaniert, das ist jetzt vorbei" oder auch: "Heute können wir uns die Sahnehäubchen aussuchen." Tatsächlich würden viele von ihnen aber auch gerne mehr Umsatz machen und mehr Aufträge annehmen. Das gelingt ihnen bloß nicht. Denn viele Handwerksbetriebe haben genau dasselbe Problem wie ihre Auftraggeber: Sie finden selbst niemanden, der die Arbeit machen will.

In einem mit dunklen Holz verkleideten Saal der Kreishandwerkerschaft in Jena hocken Elektriker, Maler und Bauunternehmer mit ihrem Vorsitzenden Uwe Lübbert an einem großen runden Tisch beisammen. Lübberts Job bringt es sonst mit sich, mit Blumensträußen oder Präsentkörben für Fotos in der Lokalzeitung zu posieren. Nun muss er ein existenzielles Problem lösen: Der Nachwuchs fehlt.

An der Wand hinter dem Tisch, an dem die Handwerker sitzen und Filterkaffee mit Kondensmilch trinken, hängt ein altes Ölgemälde. Es zeigt einen ehemaligen Vorsitzenden der Kreishandwerkerschaft, der seit der Jahrtausendwende durch gelb getönte Brillengläser auf die Welt blickt. Und die hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert.