Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Wenn ich "Heimat" höre, was in letzter Zeit – Seehofer sei Dank – häufiger vorkommt, sehe ich vor meinem inneren Auge sonnenbeschienene Bergwiesen. Ich erwarte, dass jeden Moment die Trapp-Familie aus dem erfolgreichen Fünfziger-Jahre-Film singend durch meine Vorstellung wandert. Dabei gibt es da, wo ich lebe, überhaupt keine Berge. Es ist ein Klischee, mit dem ich mich mit einem Augenzwinkern innerlich von diesem großen Wort "Heimat" distanzieren kann. Andere tun das derzeit lautstark in den sozialen Netzwerken. Es sind vor allem die Mobilen und Digitalen, die, die nicht mehr in der Kleinstadt wohnen, in der sie geboren sind, denen ein mögliches Heimatministerium aus verschiedenen Gründen nicht behagt. Aber diese Jungen und Flexiblen sind es auch, die ihren Kaffee aus einer lokalen Rösterei kaufen und deutschen Gin aus dem Schwarzwald. Heimatgefühl zum Konsumieren. Denn das Bedürfnis nach Geborgenheit und Beständigkeit haben auch die, die ihre bisherigen Umzüge längst nicht mehr an einer Hand abzählen können. Freunde, Gewohnheiten oder Musik werden zu dem, was anderen Hängegeranien und Fensterläden aus Holz sind: ein Zuhause.

Auch die Bilder davon, wie geistliche Heimat aussieht, sind bunter geworden. Der Kirchturm und die dazugehörige Ortsgemeinde sind längst nicht mehr für jede Christin das spirituelle Zuhause. Für den einen ist es eine hochkirchliche Liturgie, die Nächste fühlt sich nur beim Kirchentag wirklich beheimatet. Wieder ein anderer ist in einer bestimmten Theologie zu Hause oder aber in der Vertrautheit eines Hauskreises. Kirche kann Heimat bieten, aber das ist in einer pluralistischen Gesellschaft zugegeben ein riesiges Unterfangen. Es gibt viele, die mit ihrem Glauben allein bleiben, weil sie in der Sprache oder im kirchlichen Habitus eben nicht heimisch werden. Ebenso wie nicht alle in diesem Land in einem Schwarzwaldhaus leben, sondern beschämend oft unter einer Brücke. Des einen Heimat ist des anderen Heimatlosigkeit.

In den Querbalken über der Tür des Selsinger Pfarrhauses, der Gemeinde, in der ich Vikarin bin, ist ein Vers aus dem Hebräerbrief eingeschnitzt: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." Das Fachwerkhaus mitten im Ort, sturmfest und erdverwachsen, erinnert daran, dass wir letztlich alle auf der Durchreise sind. Eine Bewegung, die mit einem wandernden Wunderprediger begann, darf nicht zu satt, gemütlich und bequem werden. Die Kirche ist kein Heimatverein, auch wenn sie noch so schöne alte Gebäude und Traditionen pflegt. Sie sollte stolz sein auf ihre Wurzeln, sie sollte ein Ministerium für Heimatlose sein. Ganz gleich, ob sie ihre Heimat in Syrien oder Schlesien gelassen haben oder sie zwischen zwei Zeitarbeitsjobs abhandenkam. Ministerium bedeutet übersetzt "Dienst". Übrigens, auch die Trapp-Familie muss schließlich aus dem Alpenidyll fliehen.