Ingrid Caven, 79, und Helmut Berger, 73, sitzen im Spiegellicht einer Theatergarderobe und warten auf die Probe. Eigentlich waren diese beiden prädestiniert dafür, miteinander zu arbeiten. Aber erst jetzt ist es dazu gekommen: Caven, Schauspielerin aus dem Saarland, die mit Rainer Werner Fassbinder verheiratet war und seit Langem in Paris zu Hause ist (wo sie als Sängerin ein Star ist), und Berger, Hoteliersohn aus Salzburg, der als der schönste Mann des Kinos galt und durch die Filme Luchino Viscontis ("Ludwig II.") zu Weltruhm kam – sie verkörpern europäische Filmgeschichte. Zusammengebracht hat sie Albert Serra, einer der großen Regisseure des aktuellen Kinos. Der Katalane Serra ist, was die Wenigsten wissen, auch Theatermann: An der Berliner Volksbühne wird am 22. Februar das Stück "Liberté" uraufgeführt, das er nicht nur inszeniert, sondern auch geschrieben hat. Serra überredete Helmut Berger, der noch nie Theater gespielt hat, zum späten Bühnendebüt. "Liberté" handelt von dem Versuch, den Geist der Französischen Revolution nach Deutschland zu bringen, aber es geht, bei allem Esprit, vor allem um Sex – als Mittel der Machtpolitik. Es ist die bislang spektakulärste Premiere, die der umstrittene Intendant (und Castorf-Nachfolger) Chris Dercon an der Berliner Volksbühne herausbringt.

DIE ZEIT: Frau Caven, Herr Berger, Sie waren beide liiert mit großen Regisseuren, die Filmgeschichte geschrieben haben: Fassbinder und Visconti. Sprechen Sie über diese Gemeinsamkeit?

Ingrid Caven: Nee, denn wie man weiß, ist die neue Welt immer, auch wenn sie hässlicher ist, interessanter als die alte wunderschöne Welt. Wir sind jetzt hier, Helmut und ich.

Helmut Berger: Na ja, wir müssen das Beste draus machen.

Caven: Wir unterhalten uns nicht über die vergangenen Zeiten.

ZEIT: Dennoch die Frage, Herr Berger, was hat Visconti Ihnen für Ihre Arbeit mitgegeben?

Berger: Das war ja nicht nur Visconti, das war auch Vittorio de Sica, das war Tinto Brass. Ich bin wie ein Tennisball zwischen denen herumgesaust und habe mir immer das süßeste Bonbon ausgesucht.

Caven: Du wurdest vielleicht wie ein attraktives Objekt herumgereicht, aber diese Aristokraten haben dann schnell erkannt, dass du was anderes geboten hast: nämlich Esprit.

ZEIT: Frau Caven, was haben Sie von Fassbinder mitgenommen?

Caven: Die vielen Lieder, die er für mich geschrieben hat, und eine gemeinsame Sehnsucht nach immer anderem im Leben und im Arbeiten.

ZEIT: Kannten Sie beide sich schon damals, in den siebziger Jahren?

Caven: In Rom mit Mario Adorf haben wir uns manchmal gesehen.

Berger: Aber weißt du, ich habe weniger mit diesen Cliquen zu tun gehabt. Ich bin sehr viel mit Brigitte Bardot und Roger Vadim unterwegs gewesen. Und wen ich damals sehr viel sah, war die Eliette von Karajan. Ich bin ja Salzburger.

ZEIT: Zusammen gearbeitet haben Sie nie?

Berger: Ich wollte auch einen Film drehen mit Fassbinder: Lulu. Dann war ich mit dem Herrn Fassbinder mal verabredet bei der Bavaria, aber da musste ich eine Stunde auf ihn warten, und da bin ich abgehauen.

Caven: Da hast du recht gehabt! Oder auch nicht.

ZEIT: Wie oft haben Sie sich damals gesehen?

Caven: Nur sporadisch. Das war eine andere Lebenswelt. Wir waren in Deutschland, und wir waren mit unserer Geschichte beschäftigt. Wir haben ganz andere Kämpfe ausgetragen als Helmut in Italien. Aber die Grundlage, sich einzusetzen für etwas Frisches und Lebendiges, war dieselbe.

ZEIT: Jetzt stehen Sie beide zusammen in Berlin auf der Bühne – Sie, Herr Berger, haben zuvor noch nie Theater gespielt. Wie ist das für Sie?

Berger: Na, wir wissen noch gar nicht, wie es ausgeht. Albert Serra schreibt noch jeden Tag am Stück, auch während wir proben. Es ist keine Regie im herkömmlichen Sinn; aber auch im Chaotischen kann man auf den Punkt kommen.

Caven: Ja, es kommt wohl eher ein Kunstobjekt heraus als ein Theaterstück.

ZEIT: Braucht man ein großes Vertrauen, um sich in so ein Abenteuer zu stürzen?

Caven: Ja, sicher, Vertrauen zu einem Poeten.

ZEIT: Serra wollte Sie unbedingt als Darstellerin?

Caven: Ja, wir haben uns ein paarmal in Paris getroffen, er kannte meine Filme und war offenbar von einem meiner Konzerte in Spanien beeindruckt. Mir gefiel sein Thema.

Berger: So ging es mir auch. Und jetzt sind wir drinnen in diesem ganzen Wirbelkreis.