Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Mitarbeiter der britischen Hilfsorganisation Oxfam auf Haiti Minderjährige missbraucht haben. Andere Hilfsorganisationen, die in Entwicklungsländern aktiv sind, bestätigten weitere Fälle in ihren Reihen. So sollen Frauen und Kinder unter anderem im Tschad und im Südsudan von Entwicklungshelfern belästigt und in einigen Fällen vergewaltigt worden sein. Ärzte ohne Grenzen mit Sitz in Genf veröffentlichte interne Zahlen. Allein im Jahr 2017 gab es in den regionalen Büros der Organisation 146 Missbrauchsbeschwerden. Auch beim International Rescue Committee oder bei Save the Children existieren nun Berichte über sexuelle Übergriffe.

Einige beschuldigte Mitarbeiter behaupten, es handele sich um Prostitution. Den Kauf sexueller Dienstleistungen – wohlgemerkt auch von Minderjährigen – hätten sie ausschließlich aus privaten Mitteln bezahlt. Macht diese Ausrede die Sache besser?

Bei der Arbeit von Hilfsorganisationen, die meistens von westlichen Ländern aus operieren, gibt es ein Machtgefälle. Jene, die über viele Ressourcen und eine gute Ausbildung verfügen sowie die Möglichkeit haben, jederzeit das Land wieder zu verlassen, reisen zu denen, die aufgrund autokratischer Herrscher, Korruption, Naturkatastrophen und eines ausbeuterischen Wirtschaftssystems in Armut und Elend leben. Die einen sind stark, die anderen sind verletzbar. Die einen sollen helfen, die anderen sind auf Hilfe angewiesen. In einer solchen Konstellation kann es, ohne Überwachung, in vielen Fällen nur schieflaufen. Noch vor Bekanntwerden des aktuellen Skandals warnte der Forscher und ehemalige Entwicklungshelfer Andrew MacLeod deutlich vor den Verhältnissen in der Branche: Pädophile aus Europa und Nordamerika würden sich gezielt Jobs bei Hilfswerken suchen und in den globalen Süden reisen, um ungestraft und unkompliziert Kinder zu missbrauchen. Was richten solche Wohltäter sonst noch an?

Während einige Organisationen zumindest intern die Geschehnisse gewissenhaft aufarbeiten, versuchen andere Träger die Missstände zu vertuschen. Der Oxfam-Chefetage waren die eigenen Missbrauchsfälle bekannt, zur Anzeige wurden sie jahrelang nicht gebracht. Ein Mitarbeiter, der in Haiti eine Minderjährige sexuell ausgebeutet hatte, wurde zur Strafe nach Äthiopien versetzt. Als darüber berichtet wurde, verlor Oxfam allein an einem Wochenende mehr als tausend Stammspender in Großbritannien.

Nicht mehr zu spenden ist aber keine Lösung. Und gleichzeitig reicht Geld alleine nicht aus, um das Kolonialerbe und schlechte Regierungsführung zu beseitigen. Der Hilfsbedarf armer Länder ist auch ein Resultat globaler Ungerechtigkeiten – und bleibt erst mal bestehen. Als Spender sollte man sich also nicht nur auf die Bilder des Elends konzentrieren. Zum Wohltätigkeitsgeschäft gehören auch die Helfer und das mit ihnen reisende Machtgefälle in den Fokus. Sprich: Man sollte erst dann spenden, wenn eine Organisation transparent auch darüber Rechenschaft abgelegt hat.