Der Weg zum Heiligtum führt an einem gigantischen Spirituosenregal vorbei. Aufgereiht und übereinandergestapelt wie für eine Kundschaft von Riesen, flankieren bunt dekorierte Sake-Fässer den Zugang zum Meiji-Schrein in Tokio, einer Kultstätte der einheimischen Shinto-Religion. Hier werden die Seele des Kaisers Meiji und die seiner Frau Shoken als Gottheiten verehrt. Die Besucher werfen vor der heiligen Stätte Geld in einen Kasten, klatschen in die Hände und verneigen sich, sie schreiben ihre Wünsche auf hölzerne Brettchen und hängen sie im Hof auf. Die Reisweinfässer, an denen die Gläubigen vorbeikommen, sind leer, aber auch sie zeugen von einem alten Brauch: Sake-Brauereien aus dem ganzen Land stiften Proben für den Schrein, denn das Getränk spielt seit Urzeiten eine wichtige Rolle bei den Shinto-Ritualen.

Mit dem vergöttlichten Kaiserpaar und seinen archaischen Bräuchen wirkt der Meiji-Schrein wie eine Insel der Vergangenheit, ja des Mythos in der modernen Großstadt Tokio. Aber der Herrscher, dem hier so traditionsbewusst gehuldigt wird, war der historische Schirmherr der Modernisierung Japans. Vor 150 Jahren, im Frühjahr 1868, unterzeichnete er, gerade 15 Jahre alt, den "Fünf-Artikel-Eid", ein Regierungsprogramm, das sein Reich auf einen völlig neuen, für die japanische und für die Weltgeschichte revolutionären Kurs ausrichtete. Zum ersten Mal brach ein asiatisches Land mit voller Kraft ins Zeitalter des Fortschritts, der Technik und der Industrie, in die Ära der nationalen Machtpolitik auf. Japan war die Vorhut der Aufsteigermächte des 20. und des 21. Jahrhunderts, von den "Tigerstaaten" Südkorea und Taiwan bis zu China.

In einem Land, in dem bislang Hierarchie und Tradition das Leben bestimmt hatten, versprach der Fünf-Artikel-Eid eine nie gekannte politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und geistige Öffnung. Es war ein "68" ganz eigener Art: "Beratende Versammlungen" sollten eingerichtet und "alle Fragen durch öffentliche Diskussion entschieden" werden. "Alle Klassen, hoch und niedrig", seien an den Staatsgeschäften zu beteiligen. Jedermann werde frei sein, "seiner eigenen Berufung zu folgen" – eine Ankündigung, standesmäßige Beschränkungen bei der Berufswahl aufzuheben. Auch eine Bildungsoffensive mit internationaler Ausrichtung stellte der Eid in Aussicht. "In der ganzen Welt", hieß es im fünften Artikel, "soll Wissen erworben werden" – freilich nur, wie es im Text weiter lautete, "um die Grundlagen der kaiserlichen Herrschaft zu stärken".

Sinn und Zweck des Unterfangens waren schließlich nicht Umsturz und Liberalisierung, sondern Bewahrung und Selbstbehauptung. Monarchie und Staat sollten gefestigt werden. Nicht zufällig heißt die Periode, die mit dem Fünf-Artikel-Eid begann, in den Geschichtsbüchern offiziell "Meiji-Restauration" und nicht etwa "Meiji-Revolution". Insofern hat es seine Richtigkeit, wenn des Modernisierungskaisers im Shinto-Schrein mit allen traditionellen Ehren gedacht wird.

Trotzdem bedeutete diese "Restauration" in der Praxis einen dramatischen Bruch. Ein Vierteljahrtausend lang, vom Beginn des 17. Jahrhunderts an, ist Japan weitgehend von der Außenwelt abgeschlossen. Es verbietet die christliche Mission ebenso wie die Einfuhr und Lektüre fremder Bücher. Der Bau großer, seetüchtiger Schiffe wird gestoppt, erlaubt sind nur kleine Boote für den Küstenverkehr. Einem Japaner, der das Land verlässt oder von auswärts zurückkehrt, droht die Todesstrafe. Nur ein winziges Fenster in die westliche Welt bleibt offen: Auf einer künstlichen Insel in der Bucht von Nagasaki dürfen die Niederlande einen Handelsstützpunkt unterhalten. Die Kaufleute allerdings werden nur unter scharfer Kontrolle an Land gelassen und sonst in ihrer winzigen Siedlung monatelang wie gefährliche Krankheitsträger in Quarantäne gehalten.

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert lockert man die Abschottung ein wenig und nutzt hier und da ausländisches Know-how – in der Landwirtschaft, in der Medizin oder bei der Erstellung von Kalendern. Aber Japan bleibt, wie der amerikanische Schriftsteller Herman Melville 1851 in seinem Walfang-Epos Moby Dick schreibt, das "doppelt verriegelte Land", der Inbegriff des historischen Einsiedlertums.

1853 dann taucht eine US-Marinemission vor der Küste auf und stört den Frieden des isolierten Inselreichs. Die "schwarzen Schiffe", wie die Japaner sie nennen – darunter zwei dampfgetriebene –, sind an Feuerkraft allem, was Japan aufzubieten hat, weit überlegen. Die amerikanische Forderung, das Reich des Tenno solle sich stärker für den internationalen Handel öffnen, lässt sich unter dem Druck dieser Übermacht nicht abwehren. Dahinter lauert eine größere, fundamentalere Bedrohung – die Gefahr, in politische Abhängigkeit zu geraten, womöglich unter direkte Fremdherrschaft wie so viele andere Länder. Es ist die Epoche des Imperialismus, der Aufteilung des Globus unter den westlichen Großmächten. Das einst so stolze China ist in den "Opiumkriegen" von Großbritannien und Frankreich gedemütigt und faktisch seiner Souveränität beraubt worden. Indien haben die Briten zu einer Provinz ihres Empire gemacht. Vor diesem Los fürchtet sich Mitte des 19. Jahrhunderts auch Japan.

Die Meiji-Restauration wird dieses Schicksal abwenden, Japan wird seine Selbstständigkeit verteidigen, indem es sich gegen den Westen mit dessen eigenen Waffen behauptet.