Liebe Frau W.,

wir hatten große Träume, damals, in der ersten Klasse, und ziemliche Spitzenideen, was wir aus unserem Leben karrieremäßig machen wollten. Unter der Überschrift "Was ich werden will" schrieb 1988 mein bester Freund in mein Poesiealbum: "Busfahrer", meine Sitznachbarin "Zoowärterin" und zwei Brüder "Fußballer". Sie, liebe Frau W., waren auch so nett, sich einzutragen. Unter "Was ich werden will" notierten Sie: "eine geduldige Lehrerin".

Ich schätze, das ist Ihnen gelungen, jedenfalls sind Sie, 20 Jahre nachdem Sie meine Klassenlehrerin an der Sophienschule waren, jetzt Leiterin dieser Schule. Noch.

Denn die Sophienschule ist eine der acht katholischen Schulen, die das Erzbistum schließen will. Es muss gespart werden, deshalb hat sich die Diözese bei einer Unternehmensberatung "Know-how eingekauft", wie der Erzbischof vor zwei Wochen in der ZEIT erklärte, und das läuft auf eine einfache ökonomische Einsicht hinaus: Viele Schulen sind zu teuer. Sie lohnen sich nicht.

Das finanzielle Argument ist immer ein starkes, denn den Zahlen zu widersprechen wirkt schnell naiv. Im Moment widersprechen aber eine Menge Menschen, die nicht für ihre Naivität bekannt sind: Politiker und Reeder, Verlagschefs, Unternehmer und Professoren. Natürlich: Die meisten von ihnen sind parteiisch, weil sie selbst oder ihre Kinder katholische Schulen besucht haben. Die meisten von ihnen können aber auch ziemlich gut rechnen.

Und wer beides, Erleben und Errechnen, auf sich vereinen kann, kommt leicht zu einem anderen Schluss: Dass "sich lohnen" ein Begriff ist, der mehr Dimensionen hat als die ökonomische, zum Beispiel eine moralische und eine menschliche. Dass die Zahlen beeindruckend schlecht sein mögen – aber dass die Menschen, die dahinterstehen, beeindruckend Gutes leisten, das sich in Zahlen nicht messen lässt.

So wie Sie.

Wenn ich erzähle, dass ich eine katholische Schule besucht habe, werde ich bis heute gefragt, ob mich Nonnen unterrichtet hätten. Es war so ungefähr das Gegenteil. Denke ich an Sie, sehe ich eine junge, sportliche Frau mit lautem Lachen und einer Stimme, tiefer als die des Hausmeisters. Ich sehe den Handstand vor mir, den Sie mit vollem Mund gemacht haben, um uns zu zeigen, dass die Speiseröhre Nahrung unter allen Umständen in den Magen transportiert. Ich sehe, wie Sie uns vor der Schulmesse drohten, dass am nächsten Tag der Sportunterricht ausfalle, wenn wir uns danebenbenähmen – natürlich benahmen wir uns jedes Mal daneben, aber natürlich ließen Sie nie den Sportunterricht ausfallen. Nur einmal wollten Sie Ernst machen, ich glaube, es war, nachdem wir während der Predigt Sticker getauscht hatten. Aber weil am nächsten Tag Ihre Tochter Geburtstag hatte, waren Sie besonders nachsichtig und ließen den Unterricht dennoch stattfinden.

Ich schätze, wir verstanden schon damals, dass das mit dem Geburtstag Ihrer Tochter nicht Glück war, sondern Vergebung.

Diese Verquickung von Beten und Bolzen mag nicht der saubersten katholischen Glaubensvermittlung entsprechen, aber gut war sie trotzdem. Denn wir wurden eben nicht von Nonnen unterrichtet. Sondern von Ihnen, die das Leben und den Glauben so zusammenbrachte, dass wir Ihnen die Sache abnahmen.

Sie brachten uns nicht nur bei, Lobe den Herren zu singen, sondern auch Die Gedanken sind frei. Sie ließen uns die Bibel nicht nur lesen, Sie ließen sie uns malen – und die Bilder in Klarsichtfolie abheften, denn dass wir noch jede Mappe zerknüllen, selbst eine voller Jesusbilder, war Ihnen klar. Sie gingen, sobald schönes Wetter war, mit uns in den Park, aber egal, wie eilig wir nach Hause wollten: Mittags wurde gebetet. Morgens auch. Im Advent wurden Spardosen für Spenden ausgegeben. An Sankt Martin wurden nach dem Laternenumzug Quarkhörnchen miteinander geteilt.

Mir ist klar, dass wir keine besseren Menschen geworden sind, weil wir Kringel in Teile brachen, und dass man keine Schule retten muss, weil deren Schüler Bilder von Jesu Himmelfahrt in Folie aufbewahren. Aber mir ist inzwischen auch klar, dass es nicht normal war, dass, wenn der Klassenletzte im Religionsunterricht einen Liedtext vorlas und aus Ehre sei Gott in der Höhe stotternd "Ehre sei Gott in der Höhle" machte, niemand lachte. In Ihrer Klasse lachte niemand.