Die Frankfurter Festhalle ist ausverkauft, sie summt und vibriert von 11.500 Menschen, die stehen und warten. Deutsch aussehende Eltern mit ihren Kindern, die Anoraks um die Hüften gebunden; Deutsch aussehende Menschen ohne Kinder, die aber so aussehen, als könnten sie welche haben oder als Lehrer arbeiten; Hip-Hop-Fans mit Wu-Tang-Pullovern und Base-Caps, Freundinnen der Hip-Hop-Fans in kompliziert geschnürten High Heels mit großen Frisuren, die trotz des Rauchverbots rauchen; Männer mit Dutts und Bärten (sogenannte Hipster); junge Männer, denen man einen sogenannten Migrationshintergrund zuschreiben würde (Solarium, sorgfältig behandelte Augenbrauen und Frisuren, Daunenjacken, um noch breiter zu wirken, Nike-Schuhe); daneben Frauen, die tagsüber zeitgenössische Kunst kuratieren könnten; Studenten, die sich über den Inhalt einer Vorlesung unterhalten (Fachsprache Medizin). Zwei Teenager-Mädchen, die nach Gymnasium aussehen, machen in der Menge ein Selfie, der Eyeliner muss noch schnell korrigiert werden, bisschen duckfacing, dann zack zu Instagram. "Hast du geschrieben, wo wir sind? Alter, wann kommt er denn endlich? Ich will ihn sehen!"

Er, das ist der Rapper aus Compton, L.A., der für sein letztes Album Damn. gerade vier Grammys gewonnen hat. Er, das ist Kendrick Lamar, ein absoluter Rap-Superstar, gegenwärtig der Rapper überhaupt (und wäre man gemein, dann würde man sagen: der Rapper, der so ist, wie Eltern und Lehrer Rapper gerne haben möchten). Kendrick Lamar, der in seiner genial-komplexen Lyrik reflektiert, was es bedeutet, ein Schwarzer in Amerika zu sein und dies so kunstvoll und kraftvoll tut, dass er von Barack Obama genauso gehört wird wie von Leuten, die bei Polizeikontrollen Angst haben, erschossen zu werden, weil sie schwarz sind. Und eben von Leuten aus Frankfurt, die Anoraks tragen, und allen anderen eingangs genannten, und es ist diese integrative Kraft seiner Musik, die einen bei dem Konzert in Frankfurt komplett umhaut, noch bevor es angefangen hat.

Das hier ist kein normales Hip-Hop-Konzert, das nach Männern und Stress riecht. Hier sind alle. Keine bösen Blicke, sondern lächelnde Gesichter. Was genauso schön wie rätselhaft ist, denkt man, als Kendrick Lamar himself einige Minuten später in einem weißen, Kung-Fu-haften Gewand irgendwie mönchshaft über die minimalistisch gestaltete Bühne schreitet, auf der tatsächlich wenig zu sehen ist außer: Kendrick Lamar. Kein DJ, keine aufwendige Choreografie, die Band spielt versteckt, zwischen den Tracks richtet Kendrick Lamar kaum Worte an das Publikum. Die Show bekommt so etwas Kontemplatives, sie wirkt wie eine Messe mit Kendrick Lamar als preacher, sie wirkt, ja, ein bisschen heilig, was einem deutschen Atheisten-Kopf mit Pathos-Angst natürlich sofort suspekt ist. Und es wird richtig komisch, als das Publikum die recht komplizierten Lines von Humble strophenweise mitrappt und völlig ausrastet. Was passiert hier, was rappt dieses Publikum, das in seiner Zusammensetzung nicht inhomogener sein könnte, da gerade genau mit? "I’m so fuckin’ sick and tired of the Photoshop / Show me somethin’ natural like afro on Richard Pryor / Show me somethin’ natural like ass with some stretch marks."

Kendrick Lamar ironisiert in dem Track den Ich-bin-der-Beste-Standard-Talk anderer Rapper (wenngleich auch er genau das tut, nur eben viel smarter) und sucht nach spirituellem Halt und Echtheit (Afros schwarzer Menschen, Dehnungsstreifen) in seinem neuen, berühmten Leben, wobei er sich immer wieder auf seine schwarze Identität besinnt und sich selbst die folgende Losung verordnet: "Bitch, sit down / Be humble", also: "Setz dich, Schlampe, sei demütig". Immer wieder brüllt das Publikum voller Freude jene Sätze, deren Inhalt selbstverständlich der folgerichtigste ist, denn was sonst möchte man gegenwärtig dem amerikanischen Präsidenten, einigen seiner Kollegen (Putin, Erdoğan, Orbán et cetera) oder Politikern nahelegen, die Türken als "Kameltreiber" bezeichnen?

Damit ist natürlich nicht erklärt, warum so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft sich an jenem Abend in der Frankfurter Festhalle treffen, um Musik zu hören, deren Hauptthema die Diskriminierung von Schwarzen ist, und "Be humble" zu rufen. Vielleicht würden sie das ihrem Vorgesetzten gerne mal sagen, dem Ehemann, der sie vorm Schlafengehen schon wieder nicht geküsst hat, oder dem Mitschüler, der sie rassistisch beleidigt hat. Vielleicht finden sie auch einfach nur den Beat und den Refrain von Humble richtig super. Oder Kendrick Lamar und was er mit Worten macht. Kendrick Lamar und seine gottesdiensthafte Show, die dem herumtaumelnden Ego ein bisschen Halt und Liebe in der Menge gibt. Man kann das nicht wissen. Man kann nur sehen, dass sie hier alle zusammen stehen und feiern, achtzig Minuten lang, bis alle wieder dahin gehen, wo sie hergekommen sind.

Weitere Konzerte finden am 22. Februar in Berlin und am 5. März in Berlin statt.