Was die Kulturpolitik der kommenden Jahre betrifft, wird es ein paar kleine Neuanfänge geben und viel große Koalition. Vielleicht ist das auch in Ordnung so, denn Kulturförderung ist etwas Langfristiges, auf Verlässlichkeit Angewiesenes. Mitgeschleppt werden allerdings auch die Probleme. Man hört, die SPD habe eine Zeit lang den Posten eines Staatsministers für die Kultur gefordert, aber irgendwann war ihr das nicht mehr so wichtig. Ähnlich lief der Wille zur Macht in diesem Bereich schon häufig auf Sand. In der letzten Nacht, als Seehofer das Zittern bekam und Merkel das Finanzministerium hergab, war die Kultur "durchverhandelt".

Der Finanzrahmen dürfte für die kulturellen Einrichtungen recht kommod ausfallen. Auch auf diesem Feld also nichts Neues, die Steuereinnahmen sprudeln noch. Wirklich neu ist allerdings, dass die verhandelnden Parteien die auswärtige und die "nationale" Kulturpolitik inzwischen als Einheit ansehen, zumindest als zwei Felder, die nicht mehr strikt voneinander getrennt werden können. Was hierzulande passiert, löst Reaktionen im Ausland aus, und wie sich die Bundesrepublik dort präsentiert, wirkt aufs Land zurück – auch in der Kultur. Europäisierung und Globalisierung machen an den Ressortgrenzen keinen Halt. Doch folgt daraus auch etwas?

Kanzler- und Auswärtiges Amt waren bisher parteipolitisch gegensätzlich besetzt und werden es wieder sein. Von Koordination oder gar Freundschaft war bisher nicht die Rede. Eine Verschiebung wird deutlich sichtbar: Die auswärtige Kulturpolitik gewinnt an Gewicht, ihre Vorhaben sind im Koalitionsvertrag deutlicher akzentuiert als diejenigen der Bundeskulturbeauftragten. Und das heißt, sie sind auch finanziert. Neben dem obligaten Bündel an Projekten und Maßnahmen, die fortgeführt oder aufgerüstet werden sollen, hat die amtierende Bundes-Kulturstaatsministerin Grütters eigentlich nur einen neuen Auftrag mit auf den Weg bekommen: die Reform der Deutschen Welle – was allerdings auch schon ein bisschen nach Außenpolitik klingt. Es heißt, BKM und AA hätten gemeinsame Vorhaben immerhin erörtert. Ob daraus eine konkrete Liste geworden ist, weiß man noch nicht.

In jedem Fall wird das Auswärtige Amt die Kultur in Krisenregionen fördern, also versuchen, Tendenzen zur zivilgesellschaftlichen Beruhigung zu verstärken. Dazu will es im Rahmen von Kooperationen den Aufbau einer kulturellen Infrastruktur vor Ort unterstützen und darin natürlich auch eine deutsch-europäische Stimme hörbar machen. Neu auch: Als Experiment sollen eine Reihe von Goethe-Instituten sehr eng mit dem Institut français verschaltet werden. Das ist ein Vorgriff auf eine gemeinsame europäische Selbstpräsentation in und durch Kultur.

Einen neuen Schwerpunkt stellt der Bereich "Strategische Kommunikation" dar. In Afrika werben Schlepper in sozialen Medien für ihr Geschäft. Gegen diese Propaganda gilt es anzugehen und ein realistisches Bild der Bundesrepublik zu kommunizieren. Wie denn der Fokus der auswärtigen Kulturpolitik in den nächsten Jahren besonders auf Afrika gerichtet sein wird. Dies wiederum heißt, dass auch der Komplex der Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus in Zukunft weitgehend vom AA koordiniert werden wird.

Das "Weiter so" erhält im Falle von Monika Grütters einen besonders dumpfen Klang. Ihre Themen bleiben die Förderung der Provenienzforschung im Rahmen des Magdeburger Zentrums Kulturgutverluste sowie das Humboldt Forum. Beide Einrichtungen bleiben zwei schwierige Baustellen. Magdeburg steht in der Kritik, Projekte nicht sachgerecht zu koordinieren und Forschungsergebnisse nicht transparent zu machen. Das Humboldt Forum, immerhin das Renommiervorhaben der Bundeskulturpolitik, nähert sich langsam dem Stadium der Agonie.

Die provisorische Dreierintendanz aus Neil MacGregor (als Interessenwahrer der BKM), Hermann Parzinger (für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz) und Horst Bredekamp (Humboldt-Universität) hat sich nicht bewährt. Das sollte man sich jetzt eingestehen. Zu gegensätzlich sind die Interessen, zu wenig durchdacht die Strukturen des Hauses. Dass die Direktorin des Stuttgarter Linden-Museums, Inés de Castro, es gerade abgelehnt hat, die beiden Sammlungen des Humboldt Forums zu leiten, ist nur das äußere Zeichen für die verfahrene Lage. Die Hierarchien bleiben unklar, die Frage, was die Einrichtung im Kern eigentlich soll, ist noch immer unbeantwortet. Museum, Volksbildung, kultureller Austauschort? Die gute Laune der Heerscharen jüngst eingestellter Jungkuratoren will so gar nicht zur Verzweiflung passen, die Verantwortliche und Beobachter langsam befällt.

Es ist auch an der Zeit, sich einzugestehen, dass Neil MacGregor seine Erwartungen nicht erfüllt hat. Das Museum der Zukunft schuf er in Berlin nicht, stattdessen hinterließ er viel Unfrieden in der Arbeit der Ausstellungskonzeption. Es wäre konsequent, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zöge sich aus dem Humboldt Forum zurück. Sie könnte ihre Exponate per Leihvertrag überlassen und sich auf Wissenschaft, Provenienzrecherche und internationale Zusammenarbeit konzentrieren.

Einen anderen Weg schlägt unterdessen das Land Berlin ein, das eine stadtgeschichtliche Ausstellung im Stadtschloss zeigen will. Berlin arbeitet nur noch pro forma mit der Intendanz zusammen und hat gute Chancen, zur Eröffnung 2019 etwas Präsentables vorzuführen. In der deutschen Kulturpolitik ist also weder mit Abbruch noch mit Aufbruch zu rechnen, sondern mit viel Kontinuität, auch im Schlechten.