Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Hier der postmigrantische Straßenkünstler aus dem New York der siebziger und achtziger Jahre. Dort der zum Ritter geschlagene, in den Adelsstand erhobene flämische Barockmaler und Diplomat. Hier ein typisch postmoderner, spontan wirkender Stilmix von high und low, dort mit altmeisterlicher Technik ausgeführte Ölgemälde und humanistisch-religiöse Motive. Hier der 27-jährige, an einer Überdosis Heroin verstorbene Jungstar des Kunstmarktes, dort der im hohen Alter von der Gicht dahingeraffte Auftragsmaler europäischer Adelshäuser.

Jean-Michel Basquiat und Peter Paul Rubens trennen Welten. Wer jedoch jetzt nach Frankfurt reist, um Rubens im Städel und Basquiat in der Schirn zu begegnen, in zwei der wichtigsten Ausstellungen dieses Frühjahrs, wird auch viel Verbindendes entdecken – und überrascht sein, wie diese Verbindungen die geläufigen Klischees über Rubens und Basquiat durchkreuzen.

Anders als üblich, stehen im Städel nicht die Rubensschen Körper oder Adelsporträts im Vordergrund. Dafür fokussiert der Kurator Jochen Sander auf die Methodik des Künstlers: Wie arbeitete Rubens? Wie ließ er sich inspirieren? Durch sinnfällige Gegenüberstellungen mit den Werken anderer Künstler erschließt sich Rubens’ Arbeitsweise ohne ausufernde didaktische Interventionen. Als wolle er Ovids Metamorphosen in ein künstlerisches Verfahren übersetzen, greift Rubens mal eine Komposition von Tizians Venus und Adonis auf und variiert die Anordnung der Figuren, mal zerschnippelt er Stiche von Barthel Beham und arrangiert die Teile neu, mal jubelt er einer Christusfigur sogar einen antiken Kentauren unter.

Was häretisch erscheinen könnte, ist tatsächlich raffinierte Kunstdiplomatie. Vermittelte Rubens als Diplomat zwischen den Herrschern Europas, so vermittelte er als Künstler nicht nur zwischen dem klassischen und dem christlichen Erbe, sondern auch zwischen Wissenschaft, Ästhetik und Glaube. Wenn er etwa Maria als apokalyptisches Weib auf dem Mond stehend zeigt, sind auf diesem die von Galileo Galilei 1610 im Sidereus Nuncius verzeichneten Krater zu sehen.

Rubens’ Werke mögen auf manche konservativ wirken. In Wahrheit sind sie Resultate einer turbulenten Auseinandersetzung mit der damaligen Gegenwart. In der Frankfurter Ausstellung erscheint Rubens als nachgerade obsessiver Karrierist und kreativer Remixer. Ständig auf Reisen, ließ er sich von allem inspirieren, was Erfolg verhieß. Nur mit den Besten wollte er sich messen. Inszeniert sich heute der Rapper Jay-Z als "modern day Picasso", so strebte Rubens danach, der Tizian seiner Generation zu werden.

Dafür galt es, gut informiert zu sein. Rubens’ Bibliothek quoll denn auch über: Astronomie. Botanik. Anatomie. Emblematik. Alles floss ein in sein Werk. Und genau hier öffnet sich ein Fenster zu Basquiat.

Besucht man seine Schau im Anschluss an Rubens, sind die Analogien zwischen den Arbeitsweisen frappant. Die chronologisch aufgebaute Retrospektive präsentiert Basquiat nicht etwa als den Neo-Expressionisten, als der er oft gehandelt wird. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der verblüffenden Fülle an Informationen, Einflüssen und Bezugspunkten, die Basquiats vordergründig so verspielte, poppig-leichte Bildwelten prägen. Ob collagierte Postkarten, ein bemalter und bekritzelter Kühlschrank oder großformatige, von Wortkaskaden und comicartigen Bildzeichen übersäte Leinwände: Der Autodidakt war ein exzessiver Leser, Beobachter und Sammler. Er studierte die Bibel, besuchte Symposien wie die New Yorker "Nova Convention" von 1978, verfolgte und kommentierte politische Debatten. Mithilfe der vom Beat-Poeten William S. Burroughs entwickelten Cut-up-Technik verquirlte er seine Inspirationen, zitierte mal Sokrates, mal Rodins Denker, mal Marcel Duchamp, huldigte schwarzen Jazzmusikern, bediente sich immer wieder aus dem Anatomiebuch Gray’s Anatomy.