"Was wirklich geschah am Tag, als Jesus starb? "Mir taten die Füße weh, ein Pferd wurde beschlagen, neben dem Kreuz spielten Männer Würfel, es war wie auf dem Marktplatz. Das kann ich bezeugen. Alles andere nicht."

In Gestalt von Nicole Heesters erscheint diese Maria nun auf der Bühne der Kammerspiele. Regisseur Elmar Goerden besetzte die 81-Jährige, noch bevor er anfing, den Roman des irischen Autors Colm Tóibín für die Bühne zu bearbeiten. Marias Testament hat er nur für Heesters geschrieben: eineinhalb Stunden Monolog.

Einsam ist diese Maria trotzdem nicht auf der Bühne. Sie versammelt beim Erzählen das Personal der Evangelien um sich: Menschen, die Jesus geheilt haben soll, seine Jünger, den Sohn selbst, der ihr fremd geworden ist.

Nach der Kreuzigung ist Maria nach Ephesus geflohen, hier lebt sie in einem kargen Raum. Auf dem Tisch steht eine Schreibmaschine, sie gehört einem der Jünger, die Maria "meine Aufpasser" nennt und die bei ihr auftauchen, um sie als Zeugin zu befragen. Schließlich soll Geschichte geschrieben werden, die "erbauliche Geschichte", wie Maria die christliche Botschaft nennt.

Doch Maria hat etwas anderes erlebt. Kartoffeln schälend und putzend, liefert sie ihre Version des Geschehens. Nicole Heesters ist eine virtuose Erzählerin, ihre Stimme ist tief, kraftvoll. Sie spottet, wispert, schreit in an Wahnsinn grenzender Trauer.

Manchmal spricht sie fast liebevoll von Jesus. Dann wird das Bühnenlicht um sie herum wärmer. Doch meist ärgert sie sich über den sogenannten Erlöser. Als sie von Lazarus erzählt, den Jesus vom Tod zurückholte, verdunkelt sich der Raum. "Mein Sohn fiel mit seiner Horde ein", sagt sie. "Niemand sollte sich am Tod zu schaffen machen."

Über die historische Maria ist wenig bekannt. Gerade dadurch eignet sich die Figur so gut, den christlichen Text noch einmal emotional und kritisch aufzuladen. Maria ist voller Selbstzweifel ("Ich hätte aufmerksamer sein sollen, bevor er ging"). Sie hat einige Wunder selbst beobachtet, doch hält sie das Geschehen für ein abgekartetes Spiel. Am meisten nerven sie die Leute, die ihr erzählen, wie unverzichtbar der Tod ihres Sohnes war. Und dieser Satz: "Was aufgeschrieben ist, wird die Welt verändern."

Immer wieder kehrt sie zurück zum Tag der Kreuzigung. Viele Stunden hat sie auf dem Hügel verbracht, auf dem ihr Sohn vor aller Augen sterben soll. Man kennt die Szene, am Karfreitag wird sie in der Kirche vorgelesen. Aber so hat man sie noch nicht gehört: Als Maria das Kreuz sieht, kriegt sie keine Luft mehr. Sie hört die Jünger kreischen, johlen, während man Jesus die Nägel durch die Handgelenke rammt. "Fünf Männer mussten ihn festhalten."

Die Schilderung ist schwer zu ertragen. Aber sie prägt sich ein. Und sie bringt eine Frage ins Spiel. Wie wichtig ist dieser biblische drastische Text für uns heute? Und was, wenn alle, die sich aufs Christentum berufen, noch einmal neu zuhören müssten?

"Marias Testament", Kammerspiele, weitere Aufführungen: 28. Februar., 1., 2., 3., 8., 9. und 10. März, immer 20 Uhr