Monika Salzer hat den Widerstand perfekt einstudiert. In vorderster Reihe marschiert die 70-jähri-ge Pensionistin mit einer Gruppe gleichaltriger Damen zum Platz der Menschenrechte in Wien. Diesmal soll Gewalt an Frauen an den Pranger gestellt werden. Sofort werden die Protest-Ladies mit ihren roten Strickmützen und dem Transparent "Omas gegen Rechts" von jungen Demo-Teilnehmern bejubelt. Passanten bleiben stehen und beobachten ungläubig die Szene.

Wenn die Pastorin im Ruhestand mit ihrer Truppe bei Demos auftaucht, steht sie meist im Mittelpunkt – und in den vergangenen Monaten haben die Seniorinnen fast keine Kundgebung in Wien ausgelassen: Geht’s gegen Rassismus, Antisemitismus, Sozialabbau – sie sind dabei. Salzer, die Frau mit den blond gefärbten Strähnen und der markanten roten Brille, ist der Kopf der wahrscheinlich eigenwilligsten Protestbewegung, die sich in dem Land je formiert hat. Selbst die BBC berichtete über diese Grannies Against the Right. Eine 70-Jährige als Gesicht des politischen Widerstands in Österreich? Salzer wusste: Das könnte funktionieren.

Die Großmutter von drei Enkelkindern ist bei Weitem keine unbedarfte Rentnerin, sondern ein Medienprofi mit einiger Erfahrung im Umgang mit der Öffentlichkeit. Gekonnt spielt die ehemalige evangelische Seelsorgerin und Psychotherapeutin mit ihrem Image. Dass Menschen sie unterschätzen und als die nette Oma von nebenan abtun, ist ihre größte Stärke. Niemand scheint das besser zu wissen als sie selbst.

Wenn Salzer zur Rebellion aufruft, macht sie das im ruhigen, großmütterlichen Ton. Auf einen lauten Aufschrei, auf wütende Parolen wartet man vergeblich.

Salzer, knalliger roter Lippenstift, elegante Jacke mit asiatischem Stickmuster, sitzt in ih- rer modern eingerichteten Wohnung in Wien. "Frauen über 60 werden nicht gehört, sondern nur als alte Pensionistinnen angesehen, die etwas kosten", klagt sie. Das möchte sie ändern. Sie will ältere Damen politisieren, ihnen eine Stimme geben.

Angriffe von rechter Seite nimmt sie dafür in Kauf. Erst im Jänner twitterte ein Vertreter der rechtsextremen Identitären über die Omas gegen Rechts den verächtlichen Satz: "Wenn man länger lebt, als man nützlich ist".

Monika Salzer macht Widerstand fast seitdem sie denken kann. Schon als 20-Jährige ging die damalige Atheistin, infiziert vom Aufbruch der 68er-Bewegung, gegen den Vietnamkrieg und später gegen die Atomkraft auf die Straße. Vom großen Umbruch habe sie zu der Zeit geträumt: "Wir wollten die ganze Welt aus ihren Angeln heben." Plötzlich wird die 70-Jährige kurz still, hebt ihre Hände, skandiert "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh". Dabei krümmt sie sich auf ihrem Sofa vor Lachen. In den achtziger Jahren besetzte sie mit den Ökos die Hainburger Au. Auch heute noch stiehlt sich mitunter das moralisierende Pathos der Weltverbesserer von seinerzeit in Salzers Reden über die Rüstungslobby oder den Welthunger.

Auch im Protestantismus gibt es ein radikales Element, glaubt Salzer

Dass sie so viele Jahre später neuerlich glaubt, auf der Straße ihre Haltung beweisen zu müssen, sieht die Aktivistin nicht als Versagen der Linken. Österreich habe sich dank Ihresgleichen zu einem modernen, weltoffenen Land entwickelt: "Und jetzt kommen die, die es zerstören wollen. Aber wir sind immer noch da." Leider seien die Menschen mittlerweile durch das Internet sehr faul geworden. Jemanden zu mobilisieren werde immer schwieriger. "Ich glaube, erst wenn man gar nichts mehr an Belustigung hat, wird man aktiv", sagt sie.

Durch die Geburt ihres ersten Kindes fand Salzer zum Glauben. Als sie mit Ende zwanzig mit dem Theologiestudium begann, sah die evangelische Kirche aber noch andere Benimmregeln für Frauen vor. Pfarrerinnen mussten, im Unterschied zu den Männern, damals unverheiratet sein. Also organisierte die angehende Pastorin Gleichgesinnte und setzte 1980 ihre Forderung nach Gleichberechtigung für Frauen im lutherischen Kirchenleben durch. Wenige Jahre später war Salzer eine der ersten verheirateten Pastorinnen in Wien. Gemeindepfarrerin wollte sie aber nie werden. Vielmehr suchte die Gottesfrau Nähe zu den Menschen außerhalb der Glaubensgemeinschaft. 20 Jahre lang arbeitete sie in der Krankenhausseelsorge. "Die Hierarchie in der Kirche war mir immer unheimlich", erzählt sie und lacht. Der "Elfenbeinturm" habe sie nie interessiert.