Das Datum steht bereits fest: Es ist der 1. Januar 2019. Dann werden die TV-Bildschirme in der Schweiz schwarz, verstummen die Radiosender. Nicht, weil Putschisten die Sendeanstalten besetzt hielten, nicht weil Freischärler die Kabelnetze gekappt oder die Sendemasten gesprengt hätten. Nein, es ist ein durch und durch demokratisch legitimierter Blackout. Ein Sendeschluss durch den Willen des Volkes. Noch ist offen, ob es so weit kommt. Am 4. März entscheiden die Schweizerinnen und Schweizer über die sogenannte No-Billag-Initiative. Sie will, dass der Bund oder durch ihn beauftragte Dritte künftig keine Empfangsgebühren mehr erheben dürfen, also keine Billag-Gebühren, wie der Rundfunkbeitrag in der Schweiz heißt; zurzeit sind das 451 Franken im Jahr. Kommt das Volksbegehren durch, stünden diese Sätze in der Bundesverfassung. Entfallen würde dafür, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz wie in Deutschland bis heute leistet: dass Radio und Fernsehen zur Bildung und kulturellen Entfaltung, zur freien Meinungsbildung und zur Unterhaltung beitragen – und vor allem: dass die Sender sachgerecht und ausgewogen berichten. Es wäre das Ende der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG).

Eigentlich ist eine derart radikale Initiative chancenlos. Selbst in der Schweiz, wo schon mal ein Minarettverbot in die Verfassung geschrieben wird. Eigentlich interessieren sich für Medienpolitik nur Insider. Auch in der Schweiz, wo kürzlich im Parlament über ein Horn-Gebot für Milchkühe debattiert wurde. Aber die No-Billag-Initiative ist das perfekte Volksbegehren zum perfekten Zeitpunkt. Von einem Grüppchen libertärer Marktradikaler lanciert, nur von den Jungfreisinnigen und der Jungen SVP unterstützt, wurde aus No Billag im Verlauf des Abstimmungskampfs ein Plebiszit über Sein oder Nichtsein eines ganzen Landes.

Der Urnengang vom 4. März ist die "Mutter aller Abstimmungen". Das sagt Roger Schawinski – und der Mann muss es wissen. Über Jahrzehnte versuchte der Journalist und Unternehmer das vermeintliche staatliche Medien-Monopol zu knacken, gründete ein privates Radio, ein privates Fernsehen. Erst regional, dann national. Bevor er als Geschäftsführer von Sat.1 nach Berlin ging. Heute kämpft der bekannteste SRG-Kritiker gegen die SRG-Abschaffer, schrieb sogar ein Buch darüber: "Ein Ja zu dieser Initiative würde die Medienlandschaft in so gewaltigem Ausmaß umpflügen, dass die Folgen noch nicht einmal in Umrissen erkennbar sind."

Wie kam es so weit? Da sind einmal die Zuschauer und Hörer. Mit dem Fernsehen, mit dem Radio haben alle irgendeinen Ärger. Den einen ist das Programm zu seicht, den anderen zu heimattümelnd, den Dritten schlicht zu langweilig. Die einen wollen mehr Volksmusik, die anderen weniger Moderatoren-Gelaber hören, die dritten stellen gleich ganz ab.

Da sind aber auch die Zeitungsverleger. Früher lautete der unausgesprochene Deal: Die SRG macht Radio und Fernsehen, die privaten Verleger lassen die Druckmaschinen rotieren. Man kam sich nicht in die Quere. Dazu waren im analogen Netz die Bandbreiten stark beschränkt, es gab gar keinen Platz für allzu viel Wettbewerb. Über Mittelwelle, UKW oder Kabel konnte nur eine sehr beschränkte Senderzahl ausgestrahlt werden. Das änderte sich mit dem Internet. Plötzlich trafen sich die SRG und die Privaten im selben Medium – will heißen: online. Das Schweizer Radio und Fernsehen baute eine der größten Online-Redaktionen des Landes auf, was die Verleger erzürnte. Das Internet hatte ihr Geschäftsmodell, ihre Monopole zerstört. Das Printgeschäft schrumpft und schrumpft, nicht nur kaufen immer weniger Schweizer eine gedruckte Zeitung, auch schalten immer weniger Werbekunden eine Print-Anzeige. Was die Verleger am wenigsten wollten, war eine zusätzliche, gebührenfinanzierte Konkurrenz. Und als das Schweizer Radio und Fernsehen eine neue, mächtige Vermarktungsfirma gründete, um gegen die Werbemacht von Google, Facebook und Co. anzukämpfen, war der Bruch mit den Verlegern endgültig.

Da ist aber auch die SRG selber. Sie sei ein "Moloch", meint die NZZ am Sonntag, eine "überdimensionierte Besserungsanstalt der Nation", schimpfte sie Roger Köppel, Verleger der nationalkonservativen Weltwoche und Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei (SVP). "Die vollständige Abschaffung der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten ist in einer Gemeinschaft freier Bürgerinnen und Bürger ein Gebot der Zeit." Tatsächlich ist die SRG in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen, hat immer mehr Gebühren erhalten, weil immer mehr Menschen in der Schweiz lebten und immer mehr Haushalte ihre Billag-Rechnung zahlten. 1,2 Milliarden Franken sind es heute pro Jahr, dazu kommen 400 Millionen aus der Werbung. Tatsächlich hat sie ihr Angebot nach und nach ausgebaut: ein Radiosender für die Jungen, einer für die Info-Junkies, ein zweiter Sportkanal. Kritik an ihrer Expansionsstrategie taten die Chefs mit dem immer gleichen Zirkelschluss-Argument ab: Wir müssen für alle etwas im Angebot haben, sonst verlieren wir unsere Daseinsberechtigung.