Bei einer der Proben zu Panikherz, die Benjamin von Stuckrad-Barre beim Berliner Ensemble besucht hat, soll er geweint haben. Vor Rührung und vor Dankbarkeit darüber, dass vier Schauspieler und fünf Musiker da auf der Bühne seine Lebensgeschichte nachspielen, seinen autobiografischen Roman, der 2016 zum Besteller wurde: die Geschichte eines Mannes auf der Flucht vor sich selbst.

Oliver Reese, der neue Intendant des BE, hat für sein Regiedebüt als Berliner Theaterchef mehr als 500 Seiten Text auf 40 Seiten verdichtet und auf vier Schauspieler verteilt, die "Benjamin" in unterschiedlichen Lebensphasen und Gefühlswelten verkörpern. So entsteht eine Metageschichte über das autobiografische Erzählen an sich, über die Beschaffenheit und Konstruktion von Erinnerung. Vordergründig ist, was das Berliner Ensemble da zeigt, mitreißend, witzig, schockierend und verrückt. Beim genaueren Hinschauen ist die Inszenierung aber auch ein leiser und intimer Blick hinter die Kulissen, in den Kopf eines der Welt Abhandengekommenen, in dem rast- und haltlos der Irrsinn tobt – eine Lesart, die sich im Roman hinter cooler Selbstironie versteckt.

Der Schauplatz, an dem die vier Darsteller agieren, erinnert an die Lobby eines verstaubt-prunkvollen Hotels, vielleicht an das Chateau Marmont in Los Angeles oder an Udo Lindenbergs Dauerhotelwohnsitz, das Hamburger Atlantic: Eine breite, von einem rot-beige gemusterten Orientteppich überzogene Treppe führt auf ein Plateau mit loriotschem Ledersessel und Fünfziger-Jahre-Stehlampe und weiter hinauf zu einer im Nebelrauch verschwindenden kleinen Bar, die wie ein Altar im Chorraum einer Kapelle auf der obersten der heiligen Stufen steht – nur ohne Kruzifix, dafür mit Schnapsflaschen. Ganz vorne: ein Mikrofon.

Aber Hansjörg Hartungs Bühnenbild ist mehr als Hotel, es ist Wohnzimmer und Ego-Bühne, Eckkneipe und Luxuslobby, sakral und verrucht. Wer sich in oder auf den Sessel setzt, der wirkt, als erwarte er Andacht: Jetzt mal ernsthaft. Ruhe bitte. Es braucht gar keinen Szenenwechsel, um "Stuckimans" Odyssee zu erzählen: "Forever young. Diese Illusion ist natürlich am leichtesten dort aufrechtzuerhalten, wo man keine Geschichte hat, wo nichts auf früher verweist." Wenn Bettina Hoppe (sie spielt den von der Gegenwart aus reflektiert erzählenden Benjamin) diesen Satz sagt, dann ist das ein entlarvender Moment zu Beginn. Denn gerade an diesem geschichtslosen Ort erwacht Benjamins Erinnerung an sein Leben wie aus einem komatösen Schlaf, erst dämmrig, dann mit schreckhafter Plötzlichkeit. Sie drängt in den Vordergrund, überwältigt den Erzähler, verselbstständigt sich in dionysischem Taumel: Alle vier Benjamins, so unverwechselbar sie anfangs auch waren, verlieren sich im verschwimmenden Erinnerungs-Exzess. Der 16-jährige Zappler im Hoodie (Carina Zichner), der aufstrebende Jung-Journalist (Laurence Rupp), der maximal erfolgreiche und gleichzeitig maximal abgestürzte Popautor (Nico Holonics), der rückblickende Über-Ich-Benjamin (Bettina Hoppe) – sie alle werden zu Gesichtern der Sucht: der Drogensucht, der Ess-Brech-Sucht, der Musik-Sucht, der Geltungssucht, der Ich-Sucht. "Diese Hölle der Erinnerung zu betreten heißt, einen Kampfhund zu reizen." Wer hat hier noch die vermeintliche autobiografische Kontrolle, wer hat die Erinnerungs-Hosen an? Niemand.

Die Darsteller singen – Stücke von "Udo" natürlich, aber auch von Oasis, Nirvana und Rammstein –, zappeln im Flackern des Stroboskops, verstreuen tütenweise weißes Pulver auf der Bühne, klettern die Ränge hoch, fressen, zittern, heulen, schreien. Eine Orgie des Wahnsinns.

Dabei liegt ein treibender Rhythmus unter dem Ganzen, eine Art sich ungut anschleichendes Leitmotiv für das Kokain. Die Musik (Jörg Gollasch) hört nur manchmal – und dann erschreckend jäh – auf, dient ansonsten als Erinnerungsbrücke, Kommentator und (Un-)Ruhestifter und endet als manisches, zwanghaftes Dauerrauschen. Intime Momente wie das dreistimmig von Bettina Hoppe, Carina Zichner und Nico Holonics gesungene Was hat die Zeit mit uns gemacht? sind da wie aus der Zeit gehobene Kristalle, die kurz den Lauf des Geschehens anhalten. Das Stück lebt von dem Ineinandergreifen des intensiven, impulsiven, teils improvisierten Spiels der Darsteller und der klug komponierten und arrangierten Musik, gespielt von einer fantastischen Band.

Benjamin von Stuckrad-Barre war selbst nicht zur Premiere gekommen – "das würde er nicht ertragen", hatte Reese vorab in einem Interview gesagt. Einen Gimmick hatte der Autor dennoch nach Berlin geschickt, stellvertretend sozusagen: seine weißen Lieblings-Turnschuhe mit den blauen Schnürsenkeln. Reese trägt sie kontrastierend zum schwarzen Anzug, als er beim Schlussapplaus die Bühne betritt. Eine schöne Geste. Und ein stiller Hinweis darauf, dass diese amüsante und aufgekratzte Suchtgeschichte am Ende immer noch die eines dem Drogentod nur knapp entronnenen Menschen ist.