Vor zwei Wochen, in der ZEIT-Ausgabe vom 8. Februar 2018, hat der Bildungsforscher Eckhard Klieme die aktuelle Pisa-Auswertung zu Resilienz kritisiert. Sie präsentiere nichts Neues und überziehe zudem bei der Interpretation der Daten, so sein Urteil.

Ich teile dieses Urteil nicht und finde, dass sein Aufruf zum Umgang mit Pisa zumindest in einem Punkt zu kurz greift: Pisa ist keine Studie über das deutsche Bildungssystem, sondern ein internationaler Vergleich.

Der Pisa-Schock von 2001 und die daraufhin eingeleiteten grundlegenden Reformen des deutschen Bildungssystems wären nicht denkbar, wenn die Studie nicht das mäßige Abschneiden Deutschlands im Vergleich zu anderen Ländern dokumentiert hätte. Nur weil Pisa zeigen konnte, dass andere Bildungssysteme bessere Leistungen und gleichzeitig ein höheres Maß an Chancengleichheit erreichen können, ist die Diskussion in Deutschland überhaupt erst in Gang gekommen.

Als internationaler Vergleich identifiziert Pisa nicht nur die leistungsfähigsten Bildungssysteme, die Studie ist auch die Grundlage für die Suche nach erfolgreichen Strategien und Ansätzen in der Bildungspolitik. So hat erst der Erfolg vieler asiatischer Länder bei Pisa das Interesse für die dortigen Bildungssysteme geweckt, auch wenn es nach wie vor viele Vorurteile gibt.

Dennoch lässt es den europäischen Besucher nicht unberührt, wenn er in der Provinz Shanghai erfährt, wie die dortige Schulverwaltung durch ihre Personalpolitik so gezielt Anreize setzt, dass die besten und engagiertesten Lehrer an die schwierigsten Schulen gehen. Dadurch kann Shanghai auch den Kindern armer und in der Regel formal kaum gebildeter Wanderarbeiter eine solide Schulbildung ermöglichen. Ein anderes Beispiel ist Singapur, das seinen Lehrern ausgezeichnete Arbeitsbedingungen und Weiterbildungsmöglichkeiten bietet und den Lehrerberuf deshalb gerade für die besten Talente attraktiv macht.

Die OECD-Mitgliedsländer und die Pisa-Teilnehmer erwarten von uns diese Kombination aus international vergleichbaren Daten und Erfahrungen aus der Schulpraxis. Sie erwarten auch, dass wir dafür sorgen, dass das Material der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Allein die Hauptbände jeder Pisa-Runde umfassen mehrere Tausend Seiten. Selbst für ein Fachpublikum ist das nur schwer zu bewältigen. Kurzanalysen, die sich auf einzelne Aspekte bereits veröffentlichter Ergebnisse konzentrieren, sind für uns deshalb ein wichtiges und geeignetes Mittel, unserem Kommunikationsauftrag gerecht zu werden. Dabei wägen wir sorgfältig ab, wie wir einerseits die Ergebnisse sachgerecht und wissenschaftlich korrekt darstellen, sie andererseits aber so präsentieren, dass sich auch Menschen außerhalb akademischer Zirkel und Kultusbürokratien an den Debatten beteiligen können.

Für all jene, die in der Lage sind, für ihre eigenen Kinder die besten Plätze in den leistungsstärksten Schulen zu sichern, mag ein unaufgeregtes Weiter-so in Bildungspolitik und Bildungspraxis eine Lösung sein. Ein gerechtes Bildungssystem zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass auch die Kinder aus sozial ungünstigen Zusammenhängen gute Bildungsleistungen erreichen. Genau dies stellt der von Eckhard Klieme kritisierte Indikator zur Resilienz dar. Wir freuen uns, dass es mit diesem Indikator gelungen ist, in Deutschland ein breites öffentliches Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen.