Mit dem Religionsunterricht ist es ein bisschen wie mit einem Spiel der Fußballnationalmannschaft: Wir sind ein Volk von 82 Millionen Nationaltrainern und genauso vielen religionspädagogischen Besserwissern. Während der Ruf der Nationalmannschaft glänzend ist, ist das Image des Religionsunterrichts ziemlich schlecht. Die Klage über Lehrer und Fächer gehört zwar zum Schulalltag wie Pausenbrote und lange Sommerferien. Doch hört man sich im Freundes- und Bekanntenkreis um, scheint kein anderes Fach so verspottet und verrufen wie der Religionsunterricht.

Etwas Spezielles ist der Religionsunterricht auch im Rechtssinne. Er ist als einziges Schulfach ausdrücklich im Grundgesetz erwähnt: Artikel 7 GG bestimmt, dass der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach ist und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt wird. Die Erziehungsberechtigten bestimmen bis zur Religionsmündigkeit des Kindes über die Teilnahme. Kein Lehrer kann gezwungen werden, Religionsunterricht zu erteilen.

Ordentliches Lehrfach heißt: Der Religionsunterricht ist in mancherlei Hinsicht ein Schulfach wie andere auch. Die normalen Rechtsvorschriften für Schulen finden Anwendung. Es greift, vorbehaltlich der Möglichkeit, sich abzumelden, die allgemeine Schulpflicht. Es gibt Prüfungen und versetzungsrelevante Noten. Der Staat trägt die organisatorische Verantwortung (und die Kosten). Er stellt das Lehrpersonal und trägt für seine Ausbildung Sorge. Der Religionsunterricht ist an allgemeine staatliche Erziehungsziele wie die Befähigung zur individuellen Selbstbestimmung und das Erlernen von Gemeinsinn gebunden. Den konkreten Unterrichtsinhalt aber bestimmen Religionsgemeinschaften und nicht der Staat. Sie sind es auch, die die religiöse Befähigung des Lehrpersonals beglaubigen müssen.

Die Regelung zum Religionsunterricht in unserer Verfassung ist das Überbleibsel einer langen institutionellen Säkularisierungsgeschichte. Im Mittelalter lag das Schulwesen noch in Kirchenhand. Mit der Reformation änderte sich das. Der sich ausbildende moderne Staat lernte schnell, wie wertvoll der Zugriff auf die Erziehung der heranwachsenden Zöglinge machtstrategisch ist. Außerdem veränderte sich das Verständnis von Schule infolge der Aufklärung grundlegend. Ende des 18. Jahrhunderts wurden alle Schulen der staatlichen Schulaufsicht unterstellt, doch bis 1919 blieben Ortsgeistliche in diese Aufsicht eingebunden. Noch Anfang der 1960er Jahre waren viele öffentliche Schulen Konfessionsschulen; erst allmählich setzten sich gemischtkonfessionelle Gemeinschaftsschulen durch. Heute hat nur noch Nordrhein-Westfalen ein weitverzweigtes Netz öffentlicher, zumeist katholischer Konfessionsschulen.

Die 1949 ausgehandelten Bestimmungen zum Religionsunterricht passen sich nahtlos in das sonstige Religionsverfassungsrecht des Grundgesetzes ein. Man wahrte, wie schon in der Weimarer Republik, Abstand zum laizistischen Frankreich. Religion ist hierzulande nicht einfach Privatsache. Der Staat des Grundgesetzes ist offen für die Religionen seiner Bürger, gerade damit er selbst nicht religiös oder weltanschaulich wird. Weil der Staat "Heimstatt aller Bürger" sein soll, muss er selbst religiös-weltanschaulich neutral bleiben. Folglich kooperiert er dort, wo religiöse oder theologische Kompetenzen gefragt sind, mit Religionsgemeinschaften, also dem Zusammenschluss konfessionell gleich gesinnter Bürger. Auf diese Weise fördert der Staat die positive Religionsfreiheit der Angehörigen einer Religion und schützt zugleich die negative Religionsfreiheit aller anderen.

Was in der juristischen Theorie so wunderbar klingt, verursacht in der Praxis zunehmend Dissonanzen. Denn die empirische Ausgangslage hat sich seit der Verabschiedung des Grundgesetzes grundlegend verändert. Die Volkskirchen schrumpfen, die Zahl der Konfessionslosen steigt, und Migrationsbewegungen haben zu einer neuen Qualität religiöser Vielfalt geführt.

Das hinterlässt auch in den Schulen und damit im Religionsunterricht Spuren. Nach der letzten Auswertung der Kultusministerkonferenz nehmen noch zwei Drittel der Schüler aus den Klassen eins bis zehn am evangelischen oder katholischen Religionsunterricht teil. 24 Prozent besuchen ein Ersatzfach wie Ethik oder Philosophie. Acht Prozent belegen weder das eine noch das andere.

Daneben steht ein kunterbuntes Feld unterschiedlicher Ansätze, schulisch religiöse Bildung zu vermitteln. Hamburg kennt einen Religionsunterricht für alle in evangelischer Verantwortung. Zukünftig soll diese Verantwortung mit islamischen Verbänden geteilt werden. In Brandenburg ist der Besuch des Faches Lebenskunde – Ethik – Religion die Regel. Teilnehmende eines konfessionellen Religionsunterrichts können sich davon abmelden. Berlin hat einen für alle verbindlichen Ethik- und Religionskundeunterricht etabliert, der nach den Vorstellungen einiger Politiker auch die Bindung an die Herkunftsreligion relativieren soll. Daneben können Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in eigener Verantwortung in den öffentlichen Schulen unterrichten, also ohne irgendeiner Aufsicht der Schulbehörden zu unterliegen.

Vielfältige Schwierigkeiten macht die Einrichtung eines flächendeckenden islamischen Religionsunterrichts. Der Organisationsgrad der Muslime ist schwach, ebenso die Autorität einiger Dachverbände an der Basis. Man weiß nicht so genau, für wen sie eigentlich mit welcher Verbindlichkeit sprechen. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat deshalb jüngst entschieden, dass der Zentralrat der Muslime und der Islamrat keine Religionsgemeinschaften im rechtstechnischen Sinne darstellen. Hessen kooperiert mit der straff organisierten Ditib. Die wird von der türkischen Religionsbehörde kontrolliert. Die Einflussnahme Ankaras auf den Unterricht in deutschen Schulen ist politisch wie rechtlich eine heikle Angelegenheit. Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben mehrere Verbände in einen Beirat eingebunden, der die Mitwirkungsrechte einer klassischen Religionsgemeinschaft wahrnimmt. In den Beiräten sitzen nicht nur Verbandsvertreter, sondern weitere fachkundige Personen, die der Staat im Einvernehmen mit den Verbänden beruft. Andere Länder sehen nur eine staatlich verantwortete Islamkunde vor oder verzichten ganz auf eine besondere Unterrichtsform für muslimische Schüler.