So viele Stimmen singen und sprechen hier, so viele Stile und Echos aus der Geschichte und der neuesten Zeit. Es gibt grobes Rap-Geschnatter und zärtliche Melodien, klagende Saxofonsoli wie aus den spirituell umglitzerten siebziger Jahren, aber auch klicke-di-brrrrt-stolpernde Rhythmen aus den cleanen Küchen des neuesten Cyborg-Pop. Der junge R-’n’-B-Sänger Sampha extemporiert über einem Sample des Soulmeisters Curtis Mayfield. Der noch jüngere Londoner Rapper Infinite spuckt Silben über schwebende Klänge, die Peter Gabriel für ihn produziert hat: ein netter älterer Herr, hat Infinite später gesagt, von dem er zuvor nie gehört habe.

Musikalische Zufallsbegegnungen gibt es viele auf dieser Platte, und doch wirkt sie nicht beliebig. Everything Is Recorded hat ihr Produzent Richard Russell sie genannt: Er hat einfach alles aufgenommen, was die Gäste in seinem Londoner Studio miteinander angestellt haben; danach hat er die Aufnahmen durcheinandergewürfelt und wieder ineinandergefügt. Aus der Zwiesprache mit der Vergangenheit führt die Musik so in die neueste, hektische Gegenwart; aber immer, wenn es allzu hektisch und hitzig wird, gleitet sie in kreisenden Jazz-Improvisationen wieder in die Geschichte zurück. So lebt diese Platte nicht nur von Eklektizismus, sondern auch von einer perfekten Dramaturgie: wie ein gutes DJ-Set.

Tatsächlich hat Richard Russell – heute eine der prägenden Produzentenfiguren im Pop – seine Karriere in den neunziger Jahren als DJ begonnen. Die Platten, die er spielte, lebten von den rasend stotternden Beats und schwer schwingenden Bässen, zu denen die britische Jugend jener Zeit tanzte: Deren Raves entsprachen den Techno-Partys, in denen die ost- und westdeutsche Jugend nach dem Mauerfall zueinanderfand. Doch während der deutsche Techno sich im Minimalismus aller Traditionen zu entledigen versuchte, blieb die britische Clubmusik stets von Geschichte durchdrungen – schon weil sich in ihr "weiße" und "schwarze" Traditionen umrankten: der jamaikanische Dub Reggae und der europäische Elektropop; der amerikanische Hip-Hop und seine britische Variante, der räudige und zornige Grime.

Für diese britische Hybridität ist Richard Russell typisch; seine Musik bewegt sich unablässig zwischen den Epochen und Stilen. Schon während seiner DJ-Zeit arbeitete er bei dem damals noch kleinen Tanzmusik-Label XL Recordings. In den nuller Jahren stieg er zum Geschäftsführer auf und erweiterte das Programm über die Gattungsgrenzen hinaus: mit dem Blues-Duo The White Stripes, das unerwartet zu einem der großen Rock-Ereignisse des Jahrzehnts aufstieg; mit der britisch-tamilischen Rapperin M.I.A.; mit der Soulsängerin Adele Adkins, auf die er 2006 im Internet stieß. Drei Jahre später erschien bei XL Recordings ihr Debütalbum 19, zwei Jahre später wurde sie mit dem Nachfolgewerk 21 zum größten Popstar der westlichen Welt.

Dank Adele ist Richard Russell heute reich; aber wenn man mit ihm redet, merkt man nichts davon – abgesehen von dem Umstand, dass er zum Gespräch in das lächerliche Neureichen-Ambiente des Berliner Soho House lädt. Es ist frühmorgens, er trinkt Darjeeling und hat die gesamte Suite mit Raucherstäbchen vernebelt; eine Mischung aus selbstbewusstem Hipster und exzentrischem Nerd, der über entlegene musikalische Entdeckungen spricht und über Verbindungen zwischen Künstlern und Stilen, auf die man beim ersten Hören bestimmt nicht kommt.

"Der musikalische Mainstream interessiert mich nicht", beteuert er, obwohl er die meistverkaufte Mainstream-Platte der letzten zwanzig Jahre veröffentlicht hat. Aber nach dem Erfolg von Adele, sagt er, sei er niemals auf den Gedanken gekommen, nach einer "neuen Adele" zu suchen, wie es wahrscheinlich jeder andere Musikmanager getan hätte. Tatsächlich wurden die Neuzugänge bei XL Recordings eher noch avantgardistischer: Die Londoner Sängerin FKA twigs war zum Beispiel darunter, die zu fremdartigen, verbeulten, schwankenden Beats über sadomasochistisches Begehren singt; oder das erratische Berliner Duo Amnesia Scanner, das aus klitzeklein zerhackten Stimmsamples eine spastische Roboter-Disco erzeugt.

2013 erkrankte Russell an einem Autoimmundefekt und war wochenlang gelähmt; wieder genesen, baute er – "als therapeutische Maßnahme" – ein Studio zum kollektiven Improvisieren, "einen offenen Raum". An festen Tagen trafen sich seine Gäste, um miteinander zu musizieren. So entstand Everything Is Recorded, das erste Album, das er in seiner fast dreißigjährigen Karriere unter eigenem Namen veröffentlicht hat. "Im Grunde", sagt er, "hört man darauf nichts anderes als die Ergebnisse von langen Jazz-Sessions: Sehr unterschiedliche Musiker improvisieren miteinander, und ich warte, bis sie sich auf dem richtigen Vibe treffen, um mit ihnen dann aus diesem Moment einen Song zu erschaffen."

Auch der Saxofonist Kamasi Washington ist dabei, eine der Galionsfiguren des laufenden Jazz-Revivals. Aber, frage ich Russell, leidet nicht gerade dieses Revival unter einem gegenwartsfeindlichen Zug? Finden es die älteren weißen Hörer und Kritiker nicht vor allem toll, weil hier wieder "spontan" und mit "echten Instrumenten", ohne Elektronik musiziert werde? "Mag sein", sagt er, "aber das wäre eine Fehldeutung. Es gibt kein Zurück hinter die Digitalisierung, und auch in den scheinbar traditionellen Arrangements von Kamasi kann man das Wissen der elektronischen Musik und Clubkultur hören." Ihm wie allen seinen Künstlern gehe es um eine Spontaneität, die den Umgang mit elektronischen Instrumenten einschließt; um ein neues Verhältnis zwischen der Vergangenheit und der Zukunft des Pop.

Wesentlich für den Sound ist nicht nur die Verbindung von traditionellen Instrumenten und Gesangsharmonien mit modernistischen Beats. Viele von diesen Beats und fast alle Stimmen auf der Platte hat Russell durch elektronische Modulation mit einer Aura des Vergangenen versehen: Dank knisternder und verzerrender Filter klingen sie wie von einer abgenutzten Vinylplatte. So verschränken sich die Zeiten noch in den kleinsten klanglichen Details: Was neu ist, wirkt anheimelnd alt, und was alt ist, erfrischend neu – vor der Zukunft, in die Richard Russell uns führt, müssen sich Nostalgiker nicht fürchten.