Schwindel, Kopfschmerz, Schlaf- und Gedächtnisstörungen – über solche Symptome klagten Angestellte der US-Botschaft in Havanna zwischen Ende 2016 und August 2017. Viele vermuteten Geräusche als Ursache ihrer Beschwerden, doch obwohl die Amerikaner alles aufboten, um eine mögliche Quelle zu finden, verlief die Suche erfolglos. 21 Betroffene wurden später von einem Ärzteteam der University of Pennsylvania in Philadelphia untersucht, das jetzt gerade seine Ergebnisse veröffentlicht hat. Der Neurologe und Psychiater Hans Förstl hat die nun erschienene Studie gelesen.

DIE ZEIT: Die Ärzte haben bei den Betroffenen die Symptome eines leichten Schädel-Hirn-Traumas gefunden – ohne dass ein Schädel-Hirn-Trauma vorliegt. Klingt kurios.

Hans Förstl: Ja, das stimmt. Aber es ist tatsächlich so: Die Untersuchung im Kernspintomografen hat nur Veränderungen gezeigt, die man bei ganz vielen nicht mehr ganz jungen Menschen sieht – also keine Schädigung, die auf eine besondere Verletzung deutet.

ZEIT: Hätte man eine Verletzung mit anderen Untersuchungen nachweisen können?

Förstl: Wenn sie wie hier mehrere Monate zurückliegt, ist das schwer. Es wäre gut gewesen, wenn man die Betroffenen direkt, nachdem sie ihre Ereignisse geschildert haben, untersucht hätte, indem man etwa Gehirnflüssigkeit entnommen hätte. Aber das ist wohl nicht passiert.

ZEIT: Was könnte überhaupt ein Auslöser für die Symptome sein? Schallwaffen, wie häufig spekuliert wurde?

Förstl: Ich bin kein Physiker, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass man damit den Schädel so gezielt durchdringen kann, dass man nur das Gehirn schädigt und nicht auch andere Organe wie etwa die Leber.

ZEIT: Was könnte dann für die Symptome verantwortlich sein?

Förstl: Für plausibler als Schallkanonen halte ich, dass sich unter den Botschaftsmitarbeitern über einen längeren Zeitraum der Verdacht entwickelt hat, dass irgendetwas passiert ist und dass sich das Problem verselbstständigt hat.

ZEIT: Inwiefern verselbstständigt?

Förstl: Zum einen bei den Angestellten selbst: Da macht einer den anderen darauf aufmerksam, dass er etwas Ungewöhnliches wahrgenommen hat – etwa ein lautes Pfeifen im Ohr; der andere horcht in sich hinein und bemerkt auf einmal ebenfalls etwas. Dadurch werden die Ärzte sensibilisiert und fragen gezielt nach...

ZEIT: ...was dazu führt, dass noch mehr Angestellte in sich hineinhorchen?

Förstl: Ja, und auf einmal etwas wahrnehmen, was sie vorher gar nicht bemerkt haben. Das wiederum spricht sich dann natürlich schnell bei den potenziell Betroffenen herum.

ZEIT: Sind die Geräusche denn eingebildet?

Förstl: Es gehen ständig Informationen über unsere Sinnesorgane ein, das Gehirn filtert aber normalerweise das meiste heraus – es steuert die Wahrnehmungsschwelle. Fragt nun jemand: "Hörst du das Pfeifen auch?", dann lenkt man die Aufmerksamkeit auf sich, die Wahrnehmungsschwelle sinkt, und man hört subjektiv tatsächlich etwas.

ZEIT: Ein alltägliches Phänomen.

Förstl: Ja, wir kennen das alle: Wenn ich auf einen Anruf warte, vibriert scheinbar ständig das Handy in der Hosentasche. Warte ich nicht darauf, bemerke ich das Handy selbst dann nicht, wenn es tatsächlich vibriert.

ZEIT: Welche Rolle spielt die räumliche Lage der Botschaft?

Förstl: Möglicherweise eine große. Die Mitarbeiter dort fühlen sich ja quasi umzingelt von Widersachern aller Art. Sie fühlen sich angreifbar. Sie müssen darauf achten, sich zu schützen. Auch das senkt die Wahrnehmungsschwelle. Und das Botschaftsgebäude ist auch noch dafür prädestiniert, Geräusche zu verstärken.

ZEIT: Warum das? Es sieht ganz normal aus.

Förstl: Das ist richtig. Aber bei einem so quaderförmigen Betongebäude können die vielen geraden Glasflächen miteinander in Resonanz treten. Hinzu kommt, dass es in der Nähe vom Hafen steht. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass das Motorgeräusch von Öltankern oder Fähren, die da vorbeikommen, das Betongebäude zum Brummen bringen.