Müssen Kita-Kinder lernen, was eine Regenbogenfamilie ist? Sollten Vierjährige wissen, dass es Frauen gibt, die früher Männer waren? Murat spielt Prinzessin, Alexa hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben, so heißt die Schrift, die der rot-rot-grüne Senat an seinen Kitas verteilt – und die konservative Opposition der Stadt schäumt.

Die AfD spricht von "links-grüner Umerziehung", die CDU will Vorschulkinder nicht mit Fragen "zur sexuellen Identität konfrontiert" sehen und fordert den Senat auf, die Verteilung der Broschüren unverzüglich zu stoppen. Im Netz kursiert eine Online-Petition gegen "Vielfalt-Sex in Kitas", die schon über 40.000 Unterschriften gesammelt hat. Gender! Kleine Kinder! Berlin! – die Themenmischung hat das Zeug zum Aufreger der Woche.

Da könnten ein paar Fakten hilfreich sein. Die Publikation ist – anders als es der Titel suggeriert – kein Kinderbuch, sondern eine Fortbildungsbroschüre für das Berliner Kita-Personal. Mit Hintergrundinformationen, Erfahrungsberichten betroffener Eltern und Lektüretipps soll die Broschüre den Kita-Teams helfen, eigene Fragen zu beantworten: Wie begegne ich Eltern, die nicht wollen, dass ein schwuler Erzieher ihr Kind betreut? Was bedeutet es, wenn ein Junge jeden Morgen in einem Kleid in die Kita kommt? Wie reagiere ich, wenn Tom Lea hänselt, weil sie keinen Vater, aber zwei Mütter hat?

Diese Situationen gibt es. Man muss kein "Genderideologe" sein, um zu begrüßen, dass eine Bildungsbehörde ihre Kita-Erzieher für solche Fragen wappnet. Und nochmals für alle, die es insgeheim immer noch glauben: Man kann niemanden zur Homosexualität erziehen.

Dennoch bleibt nach der Lektüre der Schrift ein Unbehagen. Denn mehr Wissenschaft in der Sache und weniger Betroffenen-Sprech im Ton hätten der Broschüre gutgetan. Manchmal steht da auch schlicht und einfach Unsinn: Erzieher müssten wissen, heißt es streng, dass das "Thema Transgeschlechtlichkeit allgegenwärtig" sei.

Ebenso fragt man sich, warum die Autoren der Intersexualität einen so großen Raum geben. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Erzieherin in ihrer Gruppe auf ein Kind trifft, das sich weder als Junge noch als Mädchen fühlt, ist grob geschätzt eins zu tausend. Und die Liste für weiteren Expertenrat am Ende der Broschüre führt viele Adressen mit Trans/Queer/Inter im Namen auf, nicht aber die Spezialsprechstunde der Berliner Charité.

Dabei ist der Bedarf an Informationen offensichtlich. 2.000 Broschüren hat der Berliner Senat drucken lassen, sie waren innerhalb kurzer Zeit vergriffen. Selbst ein katholischer Kita-Träger aus Norddeutschland hatte gleich mehrere Dutzend Exemplare für seine Einrichtungen angefordert – er ging leer aus. Doch gerade weil das heikle Thema die pädagogische Profession bewegt, wäre professionelle Nüchternheit angezeigt gewesen.