"Ich hatte noch nie im Leben so viel Angst", sagt die Studentin. Sie soll hier Meike heißen. Ihre Haare hat sie zu einem strengen Zopf gebunden, ihre Fingernägel grau lackiert. Sie sitzt an einem Kaffeehaustisch in einer Uni-Stadt in Süddeutschland und erzählt, wie sie vor zwei Jahren von ihrem ehemaligen Mathelehrer bedrängt wurde. Noch heute erschrickt Meike, wenn sie einen untersetzten Mann in einem Regenmantel sieht.

Meike war eine der Besten ihres Jahrgangs. Ein halbes Jahr vor dem Abitur, sie ist 17 Jahre alt, bekommt sie eine E-Mail von einem Lehrer, den sie in der Mittelstufe in Mathe hatte. Er fragt, ob sie einem Schüler Nachhilfe geben wolle. Vielen Dank, schreibt Meike zurück, sie habe keine Zeit. Es sollte nicht bei dieser Mail bleiben. Viele weitere folgten. Sie dokumentieren, wie ein Lehrer seine Schülerin einkreist, sie mit Worten immer heftiger bedrängt. Die Mails liegen ZEIT ONLINE vor.

Mal schwärmt er vom Theater, mal sorgt er sich um Meikes Gesundheit. Auf dem Schulhof oder dem Heimweg verwickelt er die Schülerin in Gespräche. Er bittet sie per Mail um ein Treffen und um eine "längere, entspannte Unterhaltung". Meike wird die Sache unheimlich. Sie fragt sich: Was will der von mir? Wie kommt dieser Mittfünfziger dazu, einer 17-Jährigen so etwas vorzuschlagen? Kann er mir schaden? Danke für den netten Vorschlag, schreibt sie zurück, aber ich möchte mich nicht mit Ihnen treffen. Der Lehrer lässt nicht locker. Seine Mails sind zumindest zweideutig, es geht um Selbstvergessenheit, Hingabe, intensive Momente. "Alles, was ich von dir will oder wollte, schließt im Tiefsten ja immer schon Gegenseitigkeit ein."

Wann wird Nähe zum Problem?

Meike ist willensstark, aber jetzt weiß sie nicht mehr weiter. Was kann eine Schülerin tun, wenn ein Lehrer keine der Grenzen akzeptiert, die sie zieht? Sie traut sich nur noch mit Freunden auf den Schulhof. Im Unterricht kann sie sich nicht mehr konzentrieren. Meike weint oft, isst kaum noch. Ihre Gedanken kreisen um die Frage: Was macht der Typ, wenn er mich mal irgendwo alleine erwischt?

Die Abiturientin vertraut sich einem anderen Lehrer an. Der informiert die Schulleitung. Der Rektor verbietet dem Mathelehrer, Meike anzusprechen oder ihr zu schreiben. Während der Abiturarbeiten stellt er den Lehrer frei. Er informiert auch die Aufsichtsbehörde. Die schickt eine Schulpsychologin. Die spricht mit Meike. Und mit dem Mathelehrer. Dem Lehrer empfiehlt die Psychologin eine Therapie, stuft ihn aber als ungefährlich ein. Für Meike hat sie keinen Rat.

Schmierige Mails, ein flapsiger Spruch, die Hand des Lehrers auf der Schulter einer Schülerin: Wann wird Nähe zum Problem? Die Geschichte von Meike zeigt, dass bereits Zweideutigkeiten genügen, um Schüler in ausweglose Situationen zu bringen. Ausgerechnet an einem Ort, der ihnen Schutz bieten sollte. Auch acht Jahre nach Bekanntwerden der Missbrauchsskandale am Berliner Canisius-Kolleg und an der Odenwaldschule hat das System Schule wenig verändert, um Sexismus, sexueller Belästigung und sexueller Gewalt etwas entgegenzusetzen. Wird ein Fall bekannt, ist die öffentliche Betroffenheit groß, aber von kurzer Dauer. Seit Monaten wird in der #MeToo-Debatte über diese Themen diskutiert. An den Schulen spielen sie dagegen keine Rolle.

Wo bleibt der Aufschrei für die, die Schutz am nötigsten hätten?

Das Interesse von Schulleitungen, Aufsichtsbehörden und Landesregierungen ist erschreckend gering. Die Kultusministerkonferenz bleibt weit hinter ihren Versprechen zurück, sexuelle Gewalt und Missbrauch an Schulen offensiv zu bekämpfen. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts (DJI), die kommende Woche erscheint und die Recherchen von ZEIT ONLINE .

Schon 2010 hatten die Kultusminister klare Empfehlungen zur Vorbeugung und Aufarbeitung von Missbrauchsfällen an Schulen ausgegeben und entsprechende Schutzkonzepte eingefordert. Das Deutsche Jugendinstitut hat bei 7500 Schulen nachgefragt, was daraus wurde. Rund 1.500 Schulen antworteten. Die Ergebnisse liegen ZEIT und ZEIT ONLINE exklusiv vor.

Sie sind erschütternd: Nur 13 Prozent der befragten Schulen haben bisher das geforderte umfassende Schutzkonzept entwickelt. Weitere drei Prozent kündigten an, sich im laufenden Schuljahr damit befassen zu wollen. Und knapp 90 Prozent der Schulen gaben an, bislang keine Risikoanalyse vorgenommen zu haben. Mit dieser Analyse wird überprüft, welche Alltagssituationen und Abhängigkeitsverhältnisse sexuelle Gewalt gegen Schülerinnen und Schüler begünstigen könnten.

Woher rührt diese Ignoranz? Warum spielt das Thema Missbrauch im schulischen Alltag kaum eine Rolle?

Die Zeit dafür fehle und auch das nötige Geld. Diese Gründe nennen die Schulen am häufigsten. Was das DJI noch anführt: Es mangele den Schulen an Bereitschaft, sich Expertise von außen zu holen. Danach gefragt, mit welchen Institutionen sie zusammenarbeiten, geben Schulen am häufigsten Jugendämter und Polizei an – Einrichtungen, an die man sich im Notfall wendet. Mit Fachleuten für Präventionsarbeit arbeitet nur ein gutes Viertel der Schulen zusammen.

Was passieren kann, wenn niemand Einhalt gebietet, zeigt ein Fall aus einer Großstadt im Westen Deutschlands. Der Lehrer an einem Gymnasium ist bereits mit einer ehemaligen Schülerin liiert, als er beginnt, mit Mädchen aus seiner Schul-AG zu chatten. Schließlich lädt der Kunstlehrer die Teenager zu sich nach Hause ein. "Ihr sollt nicht zum Schlafen herkommen", schreibt er, "sondern um eine Orgie zu feiern!" Er füllt die Gymnasiastinnen mit Rotwein und Wodka ab. Der Lehrer hat ungeschützten Sex mit zwei Schülerinnen. Sie sind 15 Jahre alt. Für eines der Mädchen ist es das erste Mal. Eine der Gymnasiastinnen muss in psychiatrische Behandlung. Der Lehrer erhält zwei Jahre Haft auf Bewährung. Missbrauch von Schutzbefohlenen, heißt es im Urteil des Amtsgerichts von November 2017.

Sie benötigen Unterstützung oder Beratung wegen eines Falles von sexuellem Missbrauch? Das kostenfreie Hilfetelefon 0800 22 55 530 ist eine anonyme Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern.

Für Johannes-Wilhelm Rörig ist es eine unerträgliche Geduldsprobe. Seit 2011 bemüht sich der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs die Schulen aufzurütteln. "Einige Bundesländer stehen noch nicht einmal an der Startlinie", kritisiert der Jurist. Die Ende 2016 von ihm und der Kultusministerkonferenz initiierte Initiative "Schule gegen sexuelle Gewalt" soll die Sache vorantreiben; Ziel ist es, alle rund 30.000 Schulen in Deutschland zu erreichen. Der Weg ist noch lang.

Institutionelles Versagen

Zu den geforderten Schutzkonzepten gehören Fortbildungen für Lehrer, ein Verhaltenskodex, der den Handlungsspielraum der Lehrer im Umgang mit Schülern definiert, Ablaufpläne, die vorschreiben, was zu tun ist, wenn es einen Verdachtsfall gibt. Es wird geklärt, welche externen Fachleute hinzugezogen werden müssen, und ein Rehabilitationsverfahren erstellt für den Fall, dass ein Verdacht falsch war.

Rörig wirft Schulleitungen und auch Landesregierungen vor, sich vor dem Thema zu drücken. Denn dann müsse man öffentlich sagen: "Wir können nicht ausschließen, dass auch unsere Schulen zum Tatort werden. Vor solchen Sätzen fürchten sich viele."

Dass die Prävention kaum vorankommt, ist schwer zu begreifen nach allem, was war. Anfang 2010 hatte die Berliner Morgenpost über einen Brief berichtet, den Pater Klaus Mertes an alle ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs geschickt hatte. Der Schulleiter entschuldigte sich darin dafür, dass es an der katholischen Jesuitenschule in den siebziger und achtziger Jahren systematisch zu sexuellem Missbrauch von Lehrern an Schülern gekommen war. Weitere Skandale wurden bekannt: An der hessischen Odenwaldschule, der Vorzeigeschule der Reformpädagogik, hatten Lehrer, darunter der Schulleiter Gerold Becker, über viele Jahre hin Schüler systematisch missbraucht.

Die Bundesregierung reagierte und schuf das Amt des Unabhängigen Beauftragten. Im Abschlussbericht des Runden Tisches von 2011 heißt es: "Dass Täter so zahlreich Übergriffe begehen konnten, zeigt ein kollektives, aber vor allem auch ein institutionelles Versagen."

Mit den Schutzkonzepten sollen die Schulen diesem institutionellen Versagen vorbeugen. Warum aber nutzen so wenige Schulleitungen diese Chance?

Klaus Mertes, der frühere Rektor des Canisius-Kollegs, sagt: "Kein Mensch interessiert sich für dieses Thema. Die Einzigen, die sich mit Missbrauch wirklich auseinandersetzen, sind betroffene Schulen." So sei es auch an seiner Schule gewesen, es musste erst etwas passieren. Dabei hätte man viel früher sehen können, was dort lief. "Die meisten Täter haben sich ja nicht wirklich versteckt", sagt Mertes, "nicht bei uns an der Schule und auch nicht in den vielen anderen Fällen." Lehrer müssten deshalb lernen zu verhindern, "dass sie zu Wegguckern werden".

Die Umfrage des Deutschen Jugendinstituts stützt diese Einschätzung: Die Hälfte aller Schulen, die ein Schutzkonzept entwickelt haben, gab an: Anlass sei ein konkreter Vorfall an der Schule gewesen. Die Vorgaben der Behörden allein bewirkten dagegen kaum etwas.

Mangelndes Interesse ist auch bei den Schulbehörden erkennbar. Das zeigt eine Anfrage bei allen 16 Kultusministerien, wie viele der Schulen in ihrem Bundesland inzwischen ein Schutzkonzept erarbeitet haben. Die meisten Länder antworten: Sie wissen es nicht. Das Potsdamer Ministerium teilt sogar mit: "Der Begriff 'Schutzkonzept' ist den Brandenburger Schulen bisher nicht bekannt."

Es gibt nach wie vor nicht einmal offizielle Zahlen darüber, wie viele Schulkinder in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen sind. Fachleute wie Rörig sprechen von "ein bis zwei Kindern pro Schulklasse". Diese Zahl ist aber aus einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation abgeleitet, sie basiert nicht auf tatsächlich gezählten Vorkommnissen.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik gab es 2016 in Deutschland mehr als 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. Johannes-Wilhelm Rörig forderte Union und SPD auf, eine Aufklärungskampagne gegen sexuelle Übergriffe auf Kinder zu starten, in der "Dimension der Anti-Aids-Kampagne". Die Zahlen umfassen allerdings auch Fälle in der Familie (dort geschehen sexuelle Übergriffe am häufigsten), im Verwandtenkreis, in Vereinen. Eine Statistik für sexuelle Gewalt an Schulen erstellt das Bundeskriminalamt bislang nicht.

ZEIT ONLINE hat deshalb versucht, eigenständig bei den 16 Landeskriminalämtern und den Kultusministerien der Länder die Daten für einen bundesweiten Überblick einzuholen. Das Ergebnis: Nur etwa die Hälfte der Schulministerien scheint überhaupt wissen zu wollen, welche Größenordnung sexuelle Gewalt in ihrem Zuständigkeitsbereich hat. Die anderen machen dazu gar keine Angaben. Viele Ministerien zählen nicht einmal, gegen wie viele Lehrerinnen oder Lehrer die Schulbehörden mit Disziplinarmaßnahmen wegen sexueller Übergriffe vorgehen mussten.

Weder Kultusministerien noch Landeskriminalämter haben sich heute verbindlich darüber verständigt, was sie unter sexueller Gewalt an Schulen verstehen. Für Präventionsstellen dagegen ist der Fall klar: Sexuelle Gewalt sind alle sexuellen Handlungen, die gegen den Willen des Opfers ausgeübt werden.

Die Fallzahlen der Landeskriminalämter gehen so weit auseinander, dass man durchaus an ihnen zweifeln kann: So listet das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen für 2016 insgesamt 226 angezeigte Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung an Schulen auf. Die Behörde weist darauf hin, dass in der Auflistung auch Tatorte außerhalb des Geländes der Schule berücksichtigt worden seien, etwa auf dem Schulweg oder bei Klassenfahrten. Es sei aber nicht sicher, dass alle Tatverdächtigen etwas mit der Schule zu tun hätten.

Die wenigsten Übergriffe werden angezeigt

Im Vergleich dazu scheint die Schulwelt in Schleswig-Holstein in Ordnung zu sein. Das Landeskriminalamt in Kiel meldet auf Nachfrage nur einen einzigen angezeigten Fall für 2016. Selbst wenn man die Einwohnerzahl beider Länder berücksichtigt, bleiben die Unterschiede unerklärlich: Eine so erheblich höhere Fallzahl in Nordrhein-Westfalen? Zumal das schleswig-holsteinische Kultusministerium mitteilt, dort sei 2016 überhaupt kein Fall angezeigt worden. Beide, LKA und Ministerium, berufen sich auf dieselbe Kriminalstatistik.

Fachleute sind ohnehin überzeugt, dass die wenigsten Übergriffe bei der Polizei angezeigt werden. So wie es auch bei Meike der Fall war.

Der Missbrauchsbeauftragte Rörig denkt oft darüber nach, woher das Desinteresse bei Schulen und Behörden noch rührt. Ihm fallen Schulen ein, die nie einen Missbrauchsfall erlebt haben, aber diskutieren wollen, wie sich Schülerinnen und Schüler am besten schützen könnten. "Plötzlich kommt Widerstand vom Elternrat. Der fragt: Was ist hier los? Wurde die Polizei schon eingeschaltet?" Davor scheuten viele Schulleitungen zurück. Vielen würde auch schlicht die Sprache fehlen, um angemessen über das Thema zu reden.

"Wann hatten Sie das letzte schöne sexuelle Erlebnis?"

Die Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Bargteheide, einem Städtchen in Schleswig-Holstein nahe Hamburg, gehört zu den wenigen Schulen, die sich um ein Schutzkonzept bemühen, bevor etwas passiert ist. Die Gemeinschaftsschule hat 970 Schüler, 80 Lehrer. An diesem Montag Ende Januar ist das Gebäude eine schülerfreie Zone, heute lernen die Lehrer. Sie haben sich in der Aula versammelt. Vor der Bühne mit dem blauen Vorhang steht Ursula Schele und führt ins Thema ein: Sexuelle Gewalt an Schulen, was kann man dagegen tun?

Ursula Schele ist aus Kiel angereist. Sie leitet dort "Petze", eine Beratungsstelle für Prävention von sexualisierter Gewalt und sexuellem Missbrauch. Seit 25 Jahren bildet sie Erwachsene fort, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Schele, 63 Jahre alt, hat acht Jahre selbst als Lehrerin gearbeitet. Sie tritt resolut auf, vermittelt aber das Gefühl, dass man mit ihr über alles reden kann.

"Erinnern Sie sich", sagt Schele, "wann hatten Sie eigentlich das letzte schöne sexuelle Erlebnis? Wie war das genau?" Erstarrte Gesichter. "Wenden Sie sich Ihrem Sitznachbarn zu und erzählen Sie davon!" Nervöses Kichern, das in befreites Auflachen übergeht, als Schele beschwichtigend die Arme hebt. Sie wolle nur verdeutlichen, wie schwer es schon ist, überhaupt über Sexualität zu reden. Und um wie viel schwerer es sein muss, über sexuelle Gewalt zu sprechen. Sie wird an diesem Tag immer wieder darauf zurückkommen. "Wir müssen lernen, darüber zu sprechen, lernen, das Tabu zu brechen", ermutigt Schele die Lehrer.

Sie hat Übungen vorbereitet, verteilt ein Arbeitsblatt mit gezeichneten Pausenhof-Szenen der "Alb-Traum-Schule". "Beschreiben Sie, was Sie sehen", fordert Schele die Lehrerinnen und Lehrer auf. Die Szenen reichen vom Griff an den Busen bis zu einem erzwungenen Oralverkehr. Je härter die Handlung, umso mehr flüchten sich einige Lehrer in hölzerne Umschreibungen. Finden Sie eine Sprache, die die Jugendlichen annehmen, mahnt Schele. Die Szenen auf dem Arbeitsbogen spielen sich unter Jugendlichen ab. Das hat seinen Grund, in den meisten Fällen wird sexuelle Gewalt an Schulen von Jugendlichen verübt.

Ursula Schele vermittelt Grundlagen, schafft Bewusstsein: Was sind Grenzverletzungen und Übergriffe? Wo beginnt sexuelle Gewalt? Welche Schüler sind besonders gefährdet? Und warum schweigen sie? Wann muss ich als Lehrer eingreifen, welche Instanz informieren? Wie soll ich mich als junger Lehrer oder junge Lehrerin verhalten, wenn sich ein Schüler in einen verliebt? Sie sagt auch: Es braucht zwischen sieben und acht Erwachsene, bis einem Kind geglaubt wird.

In der Feedback-Runde zeigen an diesem Januartag die meisten Daumen nach oben. Ein Vormittag reiche sicher nicht, sagt eine Lehrerin, aber es sei ein Anfang.

Wie wäre der Fall von Meike verlaufen, hätte sich ihre Schule früher um Prävention gekümmert?

Dieser Mann habe sie nie angefasst, sagt Meike. Aber für sie sei klar gewesen, dass er das wollte. "Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt."

Ihr Fall zeige, dass guter Wille einer Schulleitung nicht reiche, sagt Ursula Schele. Der Schulleiter habe vieles richtig gemacht, als er versuchte, den Kontakt zwischen Meike und dem Lehrer zu unterbinden, und diesen tageweise suspendierte. "Aber wenn alle die junge Frau als Opfer identifizieren, auch wenn sie ihr mit gutem Willen begegnen, kommt sie aus der Opferfalle nicht mehr so leicht wieder raus." Dass die Schule keine externe Beratungsstelle eingeschaltet und niemand Meike geraten habe, den Lehrer wegen Stalkings anzuzeigen, sei typisch für den geschlossenen Kosmos Schule.

Meikes damaliger Schulleiter lehnt eine Stellungnahme zu dem Fall ab und beruft sich auf seine Verschwiegenheitspflicht. So viel wird bei der Nachfrage aber deutlich: Von Schutzkonzepten gegen sexuelle Gewalt an Schulen hat der Rektor noch nichts gehört.

Mitarbeit: Frida Thurm

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