Wenn Simone Lange über die kleine Rebellion in der SPD redet, die sie mit angezettelt hat, erwähnt sie irgendwann ihren jüngeren Bruder Michael. Sie redet dann über Rudolstadt in Thüringen, wo die beiden aufgewachsen sind. Der Bruder lebt noch heute dort, er ist Mitte 30 und hat sich jahrelang im SPD-Ortsverband engagiert. Im vergangenen Dezember, als Simone Lange rund um Weihnachten wieder einmal in der alten Heimat war, nahm er sie zur Seite. Übrigens, sagte er, "ich bin nicht mehr dabei". Er sei aus der SPD ausgetreten.

Von dem Bruder wird noch die Rede sein.

Simone Lange war bis vor wenigen Tagen eine Kommunalpolitikerin der SPD, die man nur im nördlichsten Zipfel der Republik kannte: als Oberbürgermeisterin der 95.000-Einwohner-Stadt Flensburg. Doch dann brachen in der Bundes-SPD Chaostage aus, eskalierte der Streit um eine erneute Regierungsbeteiligung und wurde Andrea Nahles vom engsten Führungszirkel als nächste Parteichefin ausgerufen. Daraufhin passierte Unerhörtes: Anfang voriger Woche gab Simone Lange bekannt, dass auch sie für den Parteivorsitz kandidieren werde. "Ich fühle mich berufen, in der SPD eine führende Rolle zu spielen", sagte sie selbstbewusst.

Sogleich rätselten viele, was hinter ihrer Bewerbung stecke. Lange selbst schrieb an die "lieben Genossinnen und Genossen" des Parteivorstands im Berliner Willy-Brandt-Haus: Es könne doch nicht sein, dass eine einzelne Kandidatin "ohne große Diskussion durchgewunken" werde. Dies sei "kein Zeichen für einen Aufschwung oder einen Neuanfang" und werde nur das Ohnmachtsgefühl vieler bestätigen". Ihre Gegenkandidatur habe vor allem ein Ziel: "Ich will der Partei eine Wahl ermöglichen."

Plötzlich war Lange in den Medien "die Bürgermeisterin, die die SPD aufmischt", die "Rebellin von der Förde". Aber auch eine Frau, die sich zu Beginn eines Interviews ernsthaft von einem Reporter fragen lassen musste: "Was machen Sie denn da für Sachen?"

Die Sozialdemokraten hoch im Norden, sagte kürzlich eine SPD-Bundestagsabgeordnete aus Ostholstein, seien "links, dickschädelig und frei". Dies war auch auf Simone Lange und ihre überraschende Kandidatur gemünzt.

Dabei kommt in zahlreichen Porträts, die dieser Tage über die 41-jährige Simone Lange erscheinen, ein Detail allenfalls am Rande vor: ihre Herkunft aus dem Osten. Allerdings ist diese wichtig. Wichtiger, als man es zunächst vermuten könnte bei einer Frau, die fast ihr gesamtes Erwachsenenleben in Schleswig-Holstein verbracht hat.

Am Montag dieser Woche besucht man sie im Flensburger Rathaus, 10. Stock. Man hat hier einen weiten Blick, bis nach Dänemark. Das Gespräch führt Simone Lange dann lieber in einem Café um die Ecke, der Trennung von Amt und Parteiarbeit wegen. Die vielen Interviews zur SPD absolviert sie neben ihrem Vollzeitjob als Oberbürgermeisterin. Per Mail und WhatsApp lenkt sie ihr ehrenamtliches "Team Simone". An diesem Tag hat auch noch ihre jüngste Tochter Geburtstag, sie wird neun. Lange wirkt bei allem Trubel blendend gelaunt, gar nicht gestresst. "Ich bin sehr gut organisiert", sagt sie.

Einmal erzählte sie in einer Rede, wie 1989 alle Gewissheiten zusammenstürzten

Als Oberbürgermeisterin hat sie mit dem Neubau eines Krankenhauses und mehrerer Grundschulen zu tun. Oder mit der Rettung einer 100 Jahre alten Buche im Stadtteil Fruerlund. Jetzt geht es um die Rettung einer mehr als 150 Jahre alten Partei, die in Umfragen auf 16 Prozent abgestürzt ist.

1995 kam Simone Lange in den Norden, weil sie Polizeibeamtin werden wollte. Sie hätte das auch in Thüringen werden können, in ihrer Heimat also, dort allerdings nicht mit einem Studium für die höhere Laufbahn. Also zog sie 600 Kilometer weiter, fort aus dem Osten. Von 1999 an arbeitete sie als Kripo-Beamtin in Flensburg. Dort stieß sie wenige Jahre später zur SPD, Ortsverband Adelby-Engelsby, und fand Geschmack an der Politik. 2012 kandidierte sie für den Landtag und jagte der CDU gleich ein Direktmandat ab. 2016 gewann sie die OB-Wahl gegen den Amtsinhaber, indem sie sich Unterstützung von Grünen und CDU organisierte. Spätestens da sah man, dass Lange eine gewiefte Netzwerkerin ist. Nachwuchshoffnung und Anwärterin auf höchste Weihen in Schleswig-Holsteins SPD. Eine charismatische Alternative zum stets etwas angesäuert wirkenden Landeschef und Bundesvize Ralf Stegner.