Die sozialdemokratischen Parteien Westeuropas befinden sich im Sinkflug. Die SPD hat bei der letzten Bundestagswahl mit 20,5 Prozent ein historisches Tief erreicht. In den Niederlanden erhielt die PvdA im letzten Jahr nur noch 5,7 Prozent. In Frankreich, dem Land der einst stolzen Parti socialiste von François Mitterrand, hat der sozialistische Präsidentschaftskandidat Benoît Hamon 6,4 Prozent der Wählerstimmen erreicht. Auch in Italien deutet vieles auf eine Niederlage der Mitte-links-Regierung nächsten Monat hin. Nur die amerikanischen Demokraten und die britische Labour-Partei halten sich besser – freilich in der Opposition: In Ländern mit Mehrheitswahlrecht votieren die Wähler notfalls mit zusammengebissenen Zähnen für eine der beiden traditionellen Parteien, da sonst ihre Stimme verloren zu gehen droht. In den offenen und dynamischen Parteiensystemen Kontinentaleuropas hingegen können die Wähler frei aufspielen. Hier ist die politische Landschaft massiv im Umbruch. Die Heftigkeit der Debatten in der SPD um die Führungsfrage und den Koalitionskurs ist nur vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Neukonfiguration des Parteiensystems zu begreifen.

Vieles spricht dafür, dass die Krise der Sozialdemokratie keinen kurzfristigen Trend markiert, sondern tiefere strukturelle Ursachen hat. Sie ist letztlich nur eine spezielle Ausformung des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturwandels, den die westlichen Gesellschaften schon seit den achtziger Jahren erleben, der nun aber auch politisch vollends durchbricht. Es handelt sich um die Transformation von einer vergleichsweise homogenen und egalitären industriellen Moderne zu einer postindustriellen Spätmoderne, die sozial und kulturell deutlich polarisierter und mobiler aufgebaut ist und auch die Parteien herausfordert.

Die klassische Industriegesellschaft erreichte von 1945 bis zum Ende der siebziger Jahre ihren Höhepunkt. Dies war zugleich die Ära der Volksparteien. Man entwickelte sich scheinbar mühelos zur Wohlstandsgesellschaft, dank industrieller Prosperität und Wohlfahrtsstaat. Die Sozialstruktur war die einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Helmut Schelsky), deren Basis Arbeiterschaft und kleine Angestellte und Selbstständige bildeten. Der Wunsch nach kommodem – und meist auch recht konformistischem – Lebensstandard einte sie, und das Aufstiegsversprechen schien realistisch. Diese "Gesellschaft der Gleichen" fand im Modell des "Volksheims" der schwedischen Sozialdemokratie und in Ludwig Erhards "formierter Gesellschaft" ihr Ideal.

Diese Verhältnisse sind Geschichte. Drei Faktoren trieben den grundsätzlichen Wandel der Sozialstruktur voran: die Postindustrialisierung, die Bildungsexpansion und der Wertewandel. Seit den siebziger Jahren findet eine massive Entindustrialisierung statt. Der Anteil der Beschäftigten im Industriesektor ist in den westlichen Gesellschaften von 50 auf 20 Prozent zurückgegangen. Zugleich entstehen in enormem Umfang postindustrielle Dienstleistungsberufe, freilich in zwei konträren Segmenten: auf der einen Seite in der Wissensökonomie der Hochqualifizierten von der Informatik bis zur Kreativwirtschaft, auf der anderen Seite in den sogenannten einfachen Dienstleistungen der Niedrigqualifizierten.

Die Sozialstruktur entwickelt sich damit auseinander. Aus der Erbmasse der nivellierten Mittelstandsgesellschaft steigt eine neue Mittelklasse von Hochschulabsolventen empor. Die Akademiker sind keine winzige Elite mehr, sondern bilden infolge der Bildungsexpansion in vielen Ländern bereits ein Drittel der Erwerbsbevölkerung. Materiell sind sie in der postindustriellen Ökonomie grosso modo die Gewinner. Sie bilden zugleich die primäre Trägergruppe dessen, was die Sozialwissenschaften als gesellschaftlichen Wertewandel diagnostizieren. Die alten Pflicht- und Akzeptanzwerte verlieren nach 1968 zugunsten der neuen Selbstverwirklichungswerte. Man will in der neuen Mittelklasse nicht nur Lebensstandard, sondern Lebensqualität, nicht nur Einkommen, sondern Befriedigung im Beruf wie im Privaten. Im "guten Leben" geht es um Singularität und Authentizität, ob bei der Ernährung oder der Schulwahl für die Kinder, und Vielfalt bedeutet hier eine Reichhaltigkeit kultureller Möglichkeiten. Die individualistischen Selbstentfaltungswerte sind eng mit dem Ziel des sozialen Statuserhalts gekoppelt. Ambitioniert ist man in beiderlei Hinsicht.

Dem Aufstieg der neuen Mittelklasse steht spiegelbildlich die Entstehung einer neuen Unterklasse gegenüber. In der nachindustriellen Sozialstruktur rutscht diese gewissermaßen nach unten aus der industriellen Mittelstandsgesellschaft heraus. Hier handelt es sich häufig um Arbeiter im Niedriglohnsektor der einfachen Dienstleistungen, um prekär Beschäftigte oder Personen ganz außerhalb des Arbeitsmarkts. Den Lebensstandard und die Planungssicherheit der alten Mittelstandsgesellschaft erreicht man hier nicht mehr. Es findet eine soziale Deklassierung statt, die mit dem Gefühl einer kulturellen Entwertung Hand in Hand geht: Alte industrielle Muster vom Wert der körperlichen Arbeit bis zum Geschlechterdualismus verlieren in der Spätmoderne an Legitimität.