Heiko Wehe, ein zierlicher Mann mit wachen Augen, blickt für einen Moment verträumt aus dem Fenster. Draußen ist es ungemütlich an diesem Februarmorgen, kalt und diesig. Wehe ist Leiter der medizinischen Abteilung des VfL Wolfsburg, sie wurde im vergangenen Jahr neu strukturiert und heißt jetzt VfLmed. Draußen sieht er, wenige Meter vor sich, einen Erdhügel, von dem viele deutsche Fußballinteressierte schon einmal gehört haben: den "Hügel der Leiden", eine Erdaufschüttung mit Treppen, an der die Spieler des Fußball-Bundesligisten hoch- und runterhetzen können. In Auftrag gegeben wurde der kleine Berg vor knapp zehn Jahren von Felix Magath, von "Quälix", dem großen Schleifer unter den deutschen Trainern. Dem Mann, der den VfL 2010 trotz oder gerade wegen seiner skurrilen Methoden zur deutschen Meisterschaft führte.

Der VfL Wolfsburg wird heute noch für den Hügel belächelt. Magath und der Hügel stehen für eine antiquierte Auffassung von Fußball, einem Fußball, der nicht wissenschaftlich begleitet, sondern wie Militärübungen verordnet wird. Wehe kann an dem Hügel nichts Verwerfliches erkennen. "Die Treppen sind ideal, um die Explosivität und den Antritt zu trainieren", sagt Wehe.

Während Wehe auf den Leidenshügel schaut, steht er in einem Fitnessraum, wie ihn sich sicher auch der Schleifer Magath gewünscht hätte. Er ist rund 300 Quadratmeter groß, hier steht nur modernste Technik. Unzählige Kraft- und Fitnessgeräte, ein Spiroergometriegerät, das die Atemgase bei körperlicher Belastung misst, ein Anti-Schwerkraft-Laufband, das verletzte Spieler in die Schwerelosigkeit versetzt, als schwebten sie im All. Ihr Körpergewicht ist auf dem Band um bis zu 80 Prozent reduziert. In diesem Raum werden menschliche Körper zu sportlichen Höchstleistungen getrimmt.

Ein Stockwerk darunter befindet sich das eigentliche Herzstück. "Das ist unser Labor", sagt Wehe und öffnet die Tür in ein sonst verschlossenes Reich. Es reiht sich Liege an Liege, etliche Gerätschaften, an denen Schläuche herunterhängen, füllen den Raum. Lymphdrainagen, Schockwellentherapien und viele andere raffinierte Heilverfahren werden hier angewendet, um verletzte Spieler schnell wieder fit zu bekommen. Nichts erinnert an Fußball, alles an eine Krankenstation. Im Nebenraum sind fünf Kältebecken zur Regeneration eingelassen, eine Kältekammer soll demnächst dazukommen. "Das Niveau im medizinischen Bereich ist bei uns sehr hoch", sagt Wehe. "Wir gehören in diesem Bereich sicher zu den Führenden in der Bundesliga."

Andere Vereine lehnen Besuche ihres sportmedizinischen Bereichs ab. Einige wollen sich nicht in die Karten schauen lassen. Manche argumentieren, es handele sich um ein sensibles Terrain, ein Besuch beeinträchtige die Intimsphäre der Spieler, die Schweigepflicht müsse gewahrt werden. Vielleicht hätten manche Clubs auch wenig vorzuzeigen, keine vereinseigenen Labore, keine Antischwerkraftbänder.

Dies würde sich mit einer noch unveröffentlichten Studie decken, die die medizinischen Abteilungen der Bundesligisten in keinem guten Licht erscheinen lässt. Verfasser der Untersuchung mit dem Titel Ausfallzeiten im Profifußball im internationalen Vergleich sind acht Sportärzte.

Einer von ihnen ist Helge Riepenhof. Er ist trotz seiner erst 39 Jahre schon viel herumgekommen in der Welt des Spitzensports. Riepenhof betreute das deutsche Radsport-Nationalteam bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, ehe der Fußball auf ihn aufmerksam wurde. Der englische Erstligist Brighton & Hove Albion verpflichtete ihn im Jahr 2011 als Mannschaftsarzt. 2015 wechselte er zum italienischen Spitzenclub AS Rom, wo er bis vor Kurzem tätig war. Die Autorengruppe um Riepenhof hat umfangreiche Daten zu Verletzungen und der sportmedizinischen Betreuung der Erstligaclubs in England, Spanien, Italien und Deutschland erhoben. Die Mediziner werteten bei allen 78 Erstligaklubs dieser Länder aus, wie viele Spieltage Akteure dieser Mannschaften verletzungsbedingt verpassten. Der Untersuchungszeitraum war der Beginn der Saison 2016/17 bis zur Winterpause derselben Spielzeit. Das Ergebnis: In der Bundesliga fehlten im Untersuchungszeitraum im Durchschnitt pro Spieltag rund 62 Spieler wegen Verletzungen und damit signifikant mehr als in der spanischen Primera División (47), der italienischen Serie A (55) und der englischen Premier League (57).