Will einer heute als größter Langweiler aller Zeiten dastehen, muss er nur ein Bekenntnis zur politischen Mitte abgeben. Plädiert er dann auch noch für die große Koalition, ist er ein Fall fürs Kuriositätenkabinett. Überall, beileibe nicht nur in Deutschland, grassiert die Sehnsucht nach Aufbruch, Neugründungen, jungen Hoffnungsträgern, Verschrottung des Establishments und nach Radikalisierung zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

Dabei ist das Bekenntnis zur Mitte für kaum ein Land so beruhigend wie für Deutschland, nach innen und nach außen. Das liegt an der doppelten totalitären Erfahrung der deutschen Geschichte und an der politischen und wirtschaftlichen Stärke. Je mehr das Land die Mitte verließe, desto mehr Ängste würde es bei seinen Nachbarn wecken. Tatsächlich hatte die Bundesrepublik immer solide Regierungen der Mitte, mit denen sich die große Mehrheit der Deutschen zu identifizieren vermochte – eine Mehrheit, die sich weder mit rechten Miesepetern und Krakeelern noch mit linken Ideologen je anfreunden konnte.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit gilt das heute noch, nur dass die vielen Sympathisanten der Mitte auffällig defensiv geworden sind. Schwerer denn je haben sie es mit der Standortbestimmung: Wo liegt die politische Mitte, wofür steht sie? Ideengeschichtlich ist sie so alt wie die politische Theorie. Schon der griechische Philosoph Aristoteles grenzte die Mitte als Tugend von den Extremen ab: "Indes, wo es ein Zuviel und ein Zuwenig gibt, da gibt es auch das Mittlere." Auch heute wird sie weniger mit bestimmten politischen Forderungen verknüpft als mit einer spezifischen politischen Kultur: Mitte und Maß sind siamesische Zwillinge – nicht zufällig ist das Begriffspaar der Titel eines Standardwerks des Politologen Herfried Münkler.

Zu den Tugenden der Mitte könnte man die Kunst des Kompromisses zählen, das Ringen darum, möglichst viele Menschen mitzunehmen, die Ablehnung einer polarisierenden und ausgrenzenden Sprache, das Streben nach Gemeinsamkeiten im Inneren und in internationalen Bündnissen. Darauf könnten sich mit Sicherheit neben der Union und der SPD auch die FDP und der größte Teil der Grünen verständigen, zusammen vertreten sie knapp drei Viertel der Wähler. Aber diese Mitte ist offenbar kein Ort mehr, an dem man glänzen kann. Politische Akteure, die sich wie Angela Merkel eben noch der Zustimmung von Millionen Wählern und der meisten Kommentatoren sicher waren, wirken heute wie Auslaufmodelle. Und sie verstehen die Welt nicht mehr! Denn die politische Mitte war doch in den vergangenen Jahren erfolgreich, allemal wirtschaftlich. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?

Das meiste, was zur Begründung angeführt wird, stimmt – aber kein Argument ist allein ausreichend. Ja, eine lange dauernde Koalition der großen Volksparteien, deren Unterschiede verschwimmen, ermüdet noch schneller als jede andere Regierung. Richtig ist auch, dass die Hauptakteure bei den Verhandlungen von SPD und Union ihren politischen Zenit überschritten und dennoch verbissen um ihre persönliche Zukunft gekämpft haben.

Merkwürdigerweise spielt eine andere Deutung für das Verblassen der Mitte bei den Parteien eine eher untergeordnete Rolle: dass sie nämlich an Gunst verloren haben könnten, weil sie die Wähler der Mitte nicht mehr richtig vertreten haben. Es fällt jedenfalls auf, dass die Zustimmung für die große Koalition bis zum Herbst 2015 in etwa stabil war. Sie brach ein mit der Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge. In das Unbehagen an dieser Entscheidung mischte sich das Gefühl, dass gerade die Union wichtige Alltagsthemen nicht mehr ausreichend im Blick hatte: Ängste vor Einbrüchen und anderen Formen der Kriminalität, die Staus für Pendler, der Stundenausfall und weitere Missstände an den Schulen.

Auch bei der SPD könnte man vermuten, dass ihr Niedergang nicht an einem überfälligen Linksschwenk liegt, sondern daran, dass ihre Themen nicht gezündet haben. Zuletzt bei den Koalitionsverhandlungen der Kampf gegen die sachgrundlose Befristung und für die Familienzusammenführung bei Flüchtlingen: Wer glaubt, damit punkten zu können, muss schon in einer Isolierzelle des Willy-Brandt-Hauses leben.