Hin und wieder fliegen Hubschrauber durch Anja Kampmanns Wie weit die Wasser steigen. Hubschrauber, die Männer auf Ölplattformen bringen. Es sind nicht immer dieselben Hubschrauber, es gibt unterschiedliche Typen, und wenn man sich während des Wartens auf den Hubschrauber nichts mehr zu sagen hat, kann man immer noch über Hubschrauber reden, darüber, welche besonders schnell, welche komfortabel sind: Hubschrauberfliegen ist ein Privileg.

Wer allerdings wie Waclaw Groszak seit zwölf Jahren auf Ölplattformen arbeitet, empfindet dieses Privileg längst als Normalität. Woran man sich dagegen nicht gewöhnt, was im Gegenteil immer unnormaler wird, ist die Entfernung zwischen Land und künstlicher Insel, ist der Weg, den man im Hubschrauber zurücklegt. Was immer stärker anwächst, ist der Abstand, der einen vom Rest der Menschheit trennt.

Da ist es gut, wenn man einen Freund hat und nicht nur Kumpel, mit denen man sich nach Schichtende grölend in die Polster des Fernsehraums wirft wie eine Herde Tiere, "minus die Zärtlichkeit von Tieren". Waclaw hat einen solchen Freund, Mátyás, mehr als einen Freund sogar. Die beiden bildeten einige Jahre eine Art Liebespaar. Aber dann, und so setzt dieser bemerkenswerte Debütroman ein, verschwindet Mátyás. Ein Unfall wahrscheinlich, der Wind, eine Welle, was auch immer. Die Betreiber der Plattform machen sich nicht einmal die Mühe, nach Mátyás zu suchen. Über Waclaw allerdings bricht nun die ganze Einsamkeit des von jedem normalen Leben abgeschnittenen Ölbohrers ein: "Als verschränkte sich diese Zeit mit Mátyás irgendwo tief in ihm mit einem anderen Verschwinden, für das ihm seit Jahren keine Sprache geblieben war."

Videolesung - Anja Kampmann liest aus »Wie hoch die Wasser steigen« Ölbohrarbeiter Wenzel Groszak verliert auf einer Plattform mitten im Meer in einer stürmischen Nacht seinen einzigen Freund. Nach dessen Tod reist Wenzel nach Ungarn, bringt dessen Sachen zur Familie. © Foto: Zehnseiten

Aufgewachsen als Sohn eines polnischstämmigen Bergmannes in Bottrop, war Waclaw einst verheiratet gewesen und mit seiner Frau Milena in die Heimat des Vaters gezogen. Da sich die beiden dort aber irgendwann finanziell nicht mehr über Wasser halten konnten, nahm er den Job auf einer Ölplattform an. Irgendwie aber ging er, ging ihm die Heimat auf dem Weg zwischen Poznań und Sidi Ifni, zwischen der Ostseeküste und dem Golf von Mexiko verloren.

Und jetzt, mit dem Verlust von Mátyás, kann er sich auch das Leben auf künstlichen Inseln nicht mehr vorstellen, ihn überkommt eine Müdigkeit, und die Müdigkeit "war wie ein Lack, der alles überzog". Er musste "an einen Eisrand denken, der sich bis zu seinem Rippenbogen ausgebreitet hatte und ihn überdeckte. Eine Art Eis, das neu war, das aus ihm selbst kommen musste."

Die Verbindung zu den eigenen Gefühlen ist eingestellt. Umso stärker wird die Wahrnehmungsfähigkeit für die Dinge der äußeren Welt, umso stärker gerinnen die Wahrnehmungen zu prägnanten Bildern. Da öffnet und schließt sich eine Glastür lautlos, "mit bläulich leuchtenden Rändern, wie von einer sehr präzisen Klinge". Da sieht ein Wirt gesund aus, "nur seine Nase war platt, als hätte man sie mit dem Fleischhammer bearbeitet".

Waclaw beginnt eine Reise, die ihn nach Ungarn, Malta, in die Alpen, ins Ruhrgebiet und bis zurück in das kleine polnische Dorf bei Poznań führt. In Ungarn trifft er Mátyás’ Schwester, auf Malta eine jener Bräute, die man wohl nicht nur als Seefahrer, sondern auch als Ölbohrer in dem einen oder anderen Hafen hat, und in den norditalienischen Alpen auf einen alten Unter-Tage-Kumpel seines Vaters, Alois, der in Waclaw, als der noch ein Junge war, die Faszination für Brieftauben geweckt hat. Jene Vögel, die auch aus tausend Kilometer Entfernung ihren Heimatschlag wiederfinden. Eine Fähigkeit, die Waclaw selbst abhandengekommen ist, wenn seine Reise an der Oberfläche auch eine Heimat- oder Sinnsuche zu sein scheint.

Aber gerade weil sich Anja Kampmanns Roman nicht auf ein so allgemeines Thema festlegen lässt, weil er sich nicht mit bloßer Psychologie zufriedengibt, sticht Wie hoch die Wasser steigen aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht nur dieses Frühjahrs heraus. Hier ist eine Autorin zu entdecken, deren umfassende Weltaneignung durch Sprache sich am ehesten mit dem Schreibfuror Peter Handkes vergleichen lässt. Wie auch Handke nutzt Kampmann die Form der Road-Novel eben nicht, um einen Plot oder eine Figurenentwicklung voranzutreiben. Das lineare Fortschreiten erzählender Prosa wird hier durch Tempodrosselung konterkariert, durch Erinnerungseinschübe und Bilder, die Filmstills gleichen.

So entsteht ein ganz eigener Raum des Sehens und Hörens, des Fühlens und Riechens. Ein Raum, in dem die Zeit selbst greifbar zu werden scheint wie eingekochte Früchte, "die sich von innen gegen das Glas pressten, diese Süße, als wäre sie alles, was sich abschöpfen ließ von der Zeit".

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen.
Roman; Carl Hanser Verlag, München 2018; 352 S., 23,– €, als E-Book 16,99 €