Vieles an unserer wirtschaftlichen und politischen Welt wurde in den vergangenen Jahren lautstark infrage gestellt: Das Wort Lügenpresse hat Karriere gemacht, wurde von der Parole wütender Demonstranten zum Gegenstand einer Debatte über die Glaubwürdigkeit der Medien. Mit der AfD sitzt im Bundestag heute eine Partei, die fordert, dass Deutschland den Euro-Raum verlässt. Und immer wieder zeigen Umfragen, dass das Vertrauen der Deutschen in die Demokratie schwindet. Wer solche Positionen vertritt, hat seine eigenen privaten und politischen Beweggründe dafür. Könnte aber auch sein Wissen über Ökonomie einen Einfluss haben?

Dieser Frage ging die große Umfrage der ZEIT zusammen mit dem Briq-Institut in Bonn zum Wirtschaftswissen der Deutschen in ihrem letzten Teil nach. Die 717 Befragten sollten zu vier Statements Stellung beziehen, um die sich aktuelle gesellschaftliche und politische Debatten drehen:

Die Demokratie ist die beste aller Regierungsformen.

Den Nachrichten in der Zeitung kann man voll vertrauen.

Es ist gut für Deutschland, Mitglied in der EU zu sein.

Ein Austritt aus der Euro-Zone wäre für Deutschland wünschenswert.

Für jedes der Statements wählten die Befragten auf einer Skala von eins bis zehn, wie stark sie zustimmten. Anschließend wurde untersucht, ob sich dabei Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen zeigten. Zum Beispiel, ob Befragte mit einem höheren Einkommen eher von der Demokratie überzeugt sind. Ob Frauen den Euro eher befürworten. Oder ob Menschen, die in der Befragung vorher ein höheres Wirtschaftswissen zeigten, stärker den Zeitungen vertrauen. Für zwei Kategorien fanden die Wissenschaftler Effekte.

Wirtschaftswissen und Politik

© ZEIT-Grafik

Teilt man die Befragten nach ihrem Bildungsgrad, zeigten sich Unterschiede zwischen Menschen mit Hochschulreife und ohne. Die besser Gebildeten befürworten im Durchschnitt die Demokratie eher, vertrauen stärker den Zeitungen, finden es eher gut, dass Deutschland Mitglied der Europäischen Union ist, und wünschen sich seltener einen Austritt aus der Euro-Zone.

Die zweite Einteilung, für die sich Unterschiede zwischen den Gruppen zeigten, war das ökonomische Wissen. Wer die Höhe der Arbeitslosenquote eher bestimmen oder Fragen nach ökonomischen Konzepten wie Angebot und Nachfrage richtig beantworten konnte, schätzt die Statements anders ein als jene, die wenig Wissen zeigten. Die Unterschiede entsprechen denen bei der Bildung: Menschen mit größerem ökonomischem Wissen sind ebenfalls überzeugter von der Demokratie, der Europäischen Union und dem Euro. Lediglich bei der Glaubwürdigkeit von Nachrichten zeigte sich für diese Gruppen kein Unterschied.

Was lässt sich aus diesem Befund lernen? Eine mögliche These lautet: Die Positionen, die Menschen mit mehr wirtschaftlichem Wissen beziehen, bestätigen eher das heutige System, auf das sich Politik und Gesellschaft geeinigt haben. Wer mehr von Wirtschaft versteht, versteht demnach eher, welche Vorteile gerade die Europäische Union und der Euro bringen.

Denkbar ist aber auch eine zweite Erklärung. Aus anderen Analysen der Umfrage wissen wir, dass beispielsweise Vermögende mehr über Wirtschaft wissen als der Durchschnitt. In der Gesellschaft, wie sie ist, haben sie Erfolg und genießen eine privilegierte Position. Kein Wunder, dass ihnen das System einleuchtet. Umgekehrt ist es dann auch denkbar, dass Menschen mit weniger ökonomischem Wissen weniger zufrieden sind mit ihrer privaten Situation, beispielsweise weil sie eher wenig Vermögen haben – und deshalb die Welt, wie sie heute ist, stärker kritisieren.

Man sieht: So weit die ZEIT-Studie auch führt, kann sie nur ein Anfang sein bei der Standortbestimmung unserer so umkämpften liberaldemokratischen Gesellschaft. Sie weist auf mögliche Thesen hin, zeigt, dass ökonomisch schlechter Gebildete die Demokratie, die EU und den Euro skeptischer bewerten – und regt so zu Diskussionen an. Diese müssen weiter verfolgt werden, wenn man verstehen will, warum immer mehr Menschen unsere Welt, wie sie heute ist, so kritisch sehen.