Eine Stunde nach der Mordorgie in einer Florida-Highschool am Valentinstag schlugen die russischen Bots und Trolle zu. Die einen tobten gegen laue Waffengesetze, die anderen gegen deren Verschärfung. Unsinnig? Keineswegs, denn das eigentliche Ziel war es, die Extreme aufzuputschen, links wie rechts. Je unversöhnlicher die Lager, desto zerrissener und schwächer das Land – gut für Wladimir Putin.

Dieses jüngste Beispiel passt nahtlos zu der Bundesanklage gegen 13 russische Einflussagenten. Säuberlich registrieren die 37 Seiten der Anklage, wie die Kreml-Diener den US-Wahlkampf 2016 zugunsten von Donald Trump manipuliert hätten. Zum Beispiel mit einem Instagram-Account, der Schwarze – klassische Clinton-Wähler – bestürmte, die Wahl auszusitzen, weil diskriminierte Minderheiten sowieso nicht zählten. Russische Seiten, meldet Facebook, hätten 126 Millionen Amerikaner mit "provokativen Inhalten" erreicht, um die Konflikte in der Rassen-, Waffen- und Migrationspolitik zu schüren. Je wütender der Krieg im Netz, desto unregierbarer das Land.

Es ist noch nicht lange her, dass der Westen ein neues Zeitalter der Aufklärung heraufdämmern sah. Das Netz sei das perfekte Instrument der Demokratie von unten. Die Datenflut werde enthüllen, was die Mächtigen zu unterdrücken versuchten. Das Smartphone werde jedem Einzelnen eine Stimme geben; ein paar Klicks könnten revolutionäre Parolen unters Volk bringen oder die nächste Demo organisieren. Nur wenige konnten sich im Rausch des Arabischen Frühlings vorstellen, dass der autoritäre Staat die grenzenlose Digital-Freiheit abwürgen und seine Herrschaft mit der Waffe der sozialen Medien sichern würde.

Doch plötzlich konnte man sich in China nicht mehr Skype herunterladen. Oder die New York Times. Plötzlich funktionierten auch WhatsApp, Gmail, Facebook, Twitter und Snapchat nicht mehr. Oder VPN, der virtuelle private Tunnel, der sich an den Zensoren vorbeischlängelt und in einem westlichen Netzwerk landet. Die digitale Gesichtserkennung erspart Tausende von kamerabewehrten Zivilpolizisten. Orwells Big Brother war ein Amateur im Vergleich zu Xi Jinping.

Die Strategen reden hier von "asymmetrischer Kriegführung", freilich ohne Kugeln und Kanonen. Dass die Demokratien in dieser Arena den Nachteil haben, liegt auf der Hand. Kann das Kanzleramt, das Weiße Haus ebenfalls Armeen von Bots und Trollen aufbieten, um sich "symmetrisch" zu wehren? Oder einem russischen Propagandasender wie RT Deutsch den Stecker ziehen? Natürlich nicht. "Propagandakompanien" (PK) waren eine Nazi-Erfindung, die den Feind demoralisieren sollte. Anderseits zeigt die Leichtigkeit, mit der Moskau die sozialen Medien erobern konnte, wo die Demokratien verwundbar sind – vor allem bei Facebook mit seinen zwei Milliarden Nutzern. Der Sonderermittler Robert Mueller erwähnte auch Twitter und Instagram in seiner Anklageschrift.

Die Giganten haben sich bislang nur um Nutzer und Werbekunden gekümmert – je mehr dabei sind, desto besser das Geschäft. Sie haben aber die Algorithmen, die bestimmen, wer was sehen kann. Bots und Trolle lassen sich herausfiltern, extremistische Posts auch. Wenn Zuckerberg und Kollegen nicht reagieren, wird es der Staat tun. Da wird es brenzlig. Selbstkontrolle ist besser.