O Kinder, lasst euch nicht verführen

Damals, ich war noch ein Kind, erklärten mir meine Eltern, wir alle müssten während der Segenswünsche, mit denen der Sabbatgottesdienst seinen Abschluss findet, unseren Kopf neigen und den Blick so lange zu Boden richten, bis die feierlichen Worte des Rabbi gesprochen seien. Unbedingt, so sagten sie, müssten wir uns daran halten, denn in diesen Augenblicken schwebe Gott über unseren Köpfen, und niemand, der in Gottes Angesicht geschaut habe, werde dies überleben.

Ein Verbot, das mir nicht aus dem Kopf ging. In Gottes Angesicht schauen – müsste das, so fragte ich mich, nicht vielmehr das Herrlichste sein, was ein Mensch erleben konnte? Nichts von all dem, was ich in all den Jahren, die noch vor mir lagen, jemals sehen oder tun würde, könnte doch an diese erhabene Vision heranreichen. Ich kam zu einer folgenreichen Entscheidung: Ich würde meinen Blick heben und ich würde Gott sehen. Ja, das konnte verhängnisvoll werden, so viel hatte ich verstanden, aber der Preis war wohl nicht zu hoch. Meinen Eltern erzählte ich nichts von meinem Vorhaben, das wagte ich nicht, denn ich wusste, sie würden verzweifelt versuchen, mich davon abzubringen. Nicht einmal meinen älteren Bruder Marty weihte ich ein, er würde mein Geheimnis bestimmt verraten. So etwas konnte ich, das war klar, nur auf eigene Faust tun.

Einige Samstage verstrichen, bis ich meinen Mut zusammenhatte. Und so, eines Samstagsmorgens, als ich so dastand mit gesenktem Haupt, überwand ich meine Todesangst. Langsam, ganz langsam, während der Rabbi die uralten Segnungen intonierte, hob ich den Blick. Leer, die Luft über meinem Kopf war völlig leer. Auch war ich, wie ich sah, keineswegs der Einzige, der seinen Blick durchs Gotteshaus schweifen ließ. Viele der Betenden schauten umher, blickten aus dem Fenster, machten Freunden sogar Zeichen, bewegten die Lippen zum lautlosen Gruß. Wut stieg auf in mir: "Sie haben mich belogen!"

Seither sind viele Jahre vergangen, und den naiven Glauben, der mich dazu brachte, mein Leben zu opfern für einen Blick auf Gott, habe ich nie zurückgewonnen. Etwas anderes allerdings lebte weiter in mir, quasi auf der anderen Seite der verlorenen Illusionen. Denn mein Leben lang blieb ich fasziniert von den Geschichten, die wir Menschen erfinden im Versuch, unserer Existenz einen Sinn zu verleihen, und mir wurde klar, dass es jämmerlich unpassend ist, von "Lüge" zu sprechen, wenn es um solche Erzählungen geht, um ihr Motiv wie um ihren Inhalt, mögen sie noch so fantastisch sein.

Wir Menschen können nicht leben ohne Erzählungen. Wir umgeben uns damit, erfinden sie im Schlaf, erzählen sie unseren Kindern, zahlen sogar dafür, dass uns Geschichten erzählt werden. Manche von uns haben aus dem Geschichtenerfinden einen Beruf gemacht. Und dann sind da noch einige wenige, mich eingeschlossen, die ihr ganzes Erwachsenenleben damit verbringen, Erzählungen zu ergründen, ihre Schönheit, ihre Macht, ihren Einfluss.

Gott schuf Adam und Eva, den ersten Mann, die erste Frau, und er setzte sie, wie sie waren, nackt und ohne Scham, in einen Garten der Lüste. Und Gott sagte ihnen, von den Früchten aller Bäume dort dürften sie essen, nur eine Ausnahme gebe es. Auf keinen Fall dürften sie vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen essen; würden sie dies Gebot übertreten, so wären sie des Todes, noch am nämlichen Tag. Eine Schlange, das listigste unter den Tieren, verwickelte die Frau in ein Gespräch. Nein, erklärte sie der Frau, die Verletzung des göttlichen Gebots werde nicht zu ihrem Tod führen, werde ihnen vielmehr die Augen öffnen, sie zu Göttern machen, die wüssten, was gut ist und was böse. Eva glaubte der Schlange, sie aß von der verbotenen Frucht, gab auch Adam davon, der aß ebenfalls.

Tatsächlich wurden ihnen die Augen geöffnet: Sie sahen, dass sie nackt waren, flochten also Feigenblätter zusammen und bedeckten ihre Blöße. Gott rief sie vor sich, fragte, was sie getan hätten. Und als sie ihre Tat gestanden, verkündete er verschiedene Strafen: Alle Schlangen sollten fortan auf dem Bauch kriechen müssen, alle Staub fressen ihr Leben lang; alle Frauen sollten hinfort ihre Kinder unter Schmerzen gebären und Verlangen spüren nach dem Mann, der aber ihr Herr sei; alle Männer schließlich sollten gezwungen sein, sich unter Schweiß und Mühen zu nähren, ihr Leben lang, bis sie wieder zur Erde würden, von der sie genommen seien. "Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück." Damit sie nicht auch von jenem anderen der besonderen Bäume aßen – dem Baum des Lebens – und somit unsterblich wurden, wurden die Menschen auf Gottes Geheiß aus dem Garten vertrieben. Bewaffnete Cherubim besetzten fortan dessen Pforte, um jeden Versuch zurückzukehren abzuwehren.

Der niederschmetternde Verlust des Paradieses

Die Geschichte von Adam und Eva, so wie sie zu Beginn des Buchs Genesis erzählt wird, hat über Jahrhunderte die Vorstellungen vom Ursprung und Schicksal der Menschen geprägt. Auf den ersten Blick würde man dieser Geschichte kaum zutrauen, dass sie solche Bedeutung gewinnen konnte. Die Vorstellungskraft eines leicht zu beeindruckenden Kindes, wie ich eines war, mochte sie erregen, Erwachsene dagegen würden, in der Vergangenheit wie in der Zukunft, die Kennzeichen ausufernder Imagination sofort erkennen: ein magischer Garten; ein nackter Mann und eine Frau, die auf eine Weise auf die Welt kamen, in der kein anderer Mensch je geboren wurde; Menschen, die in der Lage waren, zu sprechen und sich zu verhalten, ohne die verlängerte Kindheit, die doch ein Merkmal unserer Spezies ist; eine geheimnisvolle Todesdrohung, die ein gerade geschaffenes Wesen vermutlich gar nicht verstehen konnte; eine sprechende Schlange; ein Baum, der das Wissen von Gut und Böse zu bringen vermag; ein anderer, der ewiges Leben verleiht; übernatürliche Wächter mit flammenden Schwertern. Alles Fiktion, sie könnte fiktiver nicht sein, die Erzählung schwelgt in den Freuden der Illusion.

Und doch haben Millionen Menschen, darunter einige der feinsinnigsten, brillantesten Geister, die je gelebt haben, die biblische Erzählung von Adam und Eva als unverfälschte Wahrheit genommen. Und ungezählte unserer Zeitgenossen tun dies noch immer, allen gewichtigen Beweisen zum Trotz, die Geologie, Paläontologie, Anthropologie und Evolutionsbiologie beigebracht haben; sie akzeptieren diese Erzählung als historisch zutreffenden Bericht vom Ursprung unseres Universums, sehen sich selbst tatsächlich als Nachkommen der ersten Menschen im Garten Eden. Nur wenige Erzählungen waren derart weit verbreitet, nur wenige haben sich im Lauf der Weltgeschichte als derart haltbar erwiesen, als derart beharrlich, als derart betörend real.

Gerade einmal anderthalb von 1.078 Seiten der modernen Ausgabe der King-James-Bibel, die auf meinem Schreibtisch steht, nimmt sie ein, doch die Erzählung von Adam und Eva funktioniert großartig, wie von selbst. Wie geht das zu? Hat man sie mit fünf oder sechs Jahren gehört, vergisst man sie nie wieder. Noch die gröbste, die schematischste Karikatur macht sie augenblicklich präsent, vielleicht nicht in allen Einzelheiten, aber in den wesentlichen Konturen. Irgendetwas in den erzählerischen Aufbau Verwobenes bleibt hängen; sie ist im buchstäblichen Sinn unvergesslich.

Seitdem sie erzählt wird, in vielen langen Jahrhunderten, lagerte sich ein enormer Apparat an, Hilfsmittel aller Art; Lehrer wiederholten sie ohne Ende; Institutionen belohnten die Gläubigen und straften die Skeptiker; Intellektuelle trieben die Nuancen hervor und lieferten konkurrierende Deutungen, Lösungen für die Rätsel dieser Erzählung; Maler ließen sie lebendig werden. Die Erzählung selbst blieb ziemlich unberührt von diesen vielschichtigen Elaborationen. Oder anders gesagt: So ziemlich alles, was später auf die Erzählung folgte, scheint von ihrer schier unerschöpflichen Energie gezehrt zu haben, so als sei ihr Kern radioaktiv. Adam und Eva sind Sinnbild der sonderbaren, der unerschöpflichen Kraft, die dem innewohnt, was Menschen erzählen.

Aus Gründen, die verlockend und zugleich verdammt schwer zu fassen sind, dienten diese wenigen Verse aus einem uralten Buch als Spiegel, in dem wir offenbar die ganze lange Geschichte unserer Ängste und Sehnsüchte wahrnehmen. Sie waren beides, befreiend und zerstörerisch zugleich, ein Hymnus auf menschliche Selbstverantwortung und eine dunkle Fabel menschlicher Verworfenheit, eine Feier des Mutes und Anstiftung zu brachialer Misogynie. Das Spektrum der Reaktionen, die sie im Lauf einiger tausend Jahre bei unzähligen Individuen und Gemeinschaften hervorgerufen haben, ist frappierend.

Rabbinen aus alten Zeiten blickten in diesen Spiegel und versuchten, Gottes Absichten zu ergründen: Was waren die Menschen, dass der Schöpfer des Universums sich Gedanken machte um sie? Warum überhaupt wurden sie geschaffen? Über die Worte des heiligen Textes grübelnd, kamen sie zu dem Schluss, dass sich die ursprüngliche Weisung, "die Erde zu bebauen" (Gen 3,23), nicht auf landwirtschaftliche Arbeit beziehe; gemeint sei vielmehr das Studium, genauer: das Studium der Thora, mit dem die Rabbinen den Tag zubrachten und das sie als den erhabensten Zweck ihres Lebens ansahen.

Die frühen Christen hielten sich nicht weiter auf mit Adams ursprünglichen Studiengepflogenheiten, sie hielten sich an den niederschmetternden Verlust des Paradieses, den Adam mit seinem Ungehorsam verschuldet hatte. Was sich ihnen an tiefen Bedeutungen in der Erzählung spiegelte, hatte mit Sündhaftigkeit zu tun und mit deren Konsequenzen. Darin folgten sie Paulus, der die quälende, universelle und unausweichliche Tatsache des Todes zurückverfolgt hatte bis zu den Taten der ersten, vom Teufel zum Bösen verführten Menschen. Trost aber fanden die Christen in ihrem Glauben, dass ein neuer Adam – Jesus Christus – durch sein Leiden und Sterben den Schaden, den der alte Adam verursacht hatte, ungeschehen gemacht habe. Das höchste Opfer des Messias werde ihnen, so hofften sie inbrünstig, ermöglichen, die Unschuld, die sie verloren hatten, wiederzuerlangen und das Paradies zurückzugewinnen.

Die Erzählung spricht uns alle an

Die Mufassireen des Islam (die Exegeten des Koran) wiederum beschäftigten sich weniger mit Adams Sündhaftigkeit als mit seiner Rolle als Gottes erstem Propheten. Der Koran, entstanden im 7. Jahrhundert u. Z., erinnert insofern an frühchristliche Texte, als er Satan (Iblis) mit dem hochmütigen, hinterlistigen Engel gleichsetzt, der die ersten Menschen zum Ungehorsam verführt hat. Spätere Kommentatoren malten das aus: Nicht in Gestalt der Schlange sei der arglistige Versucher gekommen, sondern in der eines ungewöhnlich schönen Kamels:

Es hatte einen vielfarbigen Schwanz, rot, gelb, grün, weiß, schwarz, eine Mähne von Perlen, Haar aus Topas, Augen wie die Planeten Venus und Jupiter, und einen Duft nach mit Ambra gemischtem Most/Moder.

Wegen ihrer Unzuverlässigkeit seien Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden, darum müssten ihre Nachkommen stets auf der Hut sein: "O Kinder Adams, lasset Satan euch nicht verführen, (so) wie er eure Eltern aus dem Garten vertrieb ..." (Sure 7, Vers 27) Gleichwohl wird die Verfehlung, die zur Vertreibung führte, in der islamischen Tradition als Irrtum verstanden und nicht als abscheulicher Frevel, der sich auf alle Nachgeborenen überträgt. Nach der Vertreibung übernimmt Adam die Rolle als Verwalter der Erde und als religiöser Lehrer. Er gilt in der islamischen Überlieferung als Mensch prophetischer Erleuchtung, der erste in einer Linie, die bis zu Mohammed führt, dem erhabensten der Propheten, der die Menschheit zurückgeleitet ins Licht Allahs.

Es war ein breites Aufgebot von Spezialisten, das in Spätantike, Mittelalter und Renaissance aus der Erzählung von Adam und Eva noch die letzten Bedeutungsschichten herauskitzelte. Sie ließen nicht locker, gaben dem Antrieb nach, sich in endlose Studien zu vertiefen, jeder Spielart des Bösen zu folgen, das sie in ihrer eigenen Brust verspürten; jedem reumütigen Impuls, ihr Fleisch abzutöten und ihren rebellischen Stolz zu bezähmen. Sie folgten aber auch ihrer Sehnsucht nach prophetischer Erleuchtung; gingen jedem Traum nach, träumten von völliger Reinwaschung am Ende aller Tage, von einer Rückkehr in ozeanische Glückseligkeit. In ihre Grübeleien über die Versuchungen des Fleisches verstrickt, durchkämmten Asketen die Verse nach Hinweisen, ob den ersten Menschen und ihrem Wunsch, sich fortzupflanzen, nicht doch andere Wege offengestanden hätten.

Mediziner sannen nach über die gesundheitlichen Vorteile jener vegetarischen Kost, die die ersten Menschen im Paradiesgarten zu sich nahmen. Sprachforscher suchten zu ergründen, in welcher Sprache sich Adam und Eva unterhielten, stöberten nach Spuren, die diese Sprache hinterlassen haben könnte. Naturforscher fragten nach dem ökologischen Sinn einer verlorenen Welt, in der die Beziehungen zwischen Mensch und Tier so ganz andere waren als in unserer, in der sich die Umwelt in unwandelbar freundlicher Fülle zeigte. Jüdische und muslimische Rechtsgelehrte untersuchten die Erzählung auf religiöse Lehrinhalte und Rechtsvorstellungen. Philosophen aller drei monotheistischen Glaubensgemeinschaften erörterten die moralischen Lehren aus der Erzählung. Und in der christlichen Welt fühlten sich bildende Künstler aufgefordert, den menschlichen Körper darzustellen, in all seiner Glorie und all seiner Schande.

Vor allem aber kamen die einfachen Menschen – sie, die unter der Kanzel der Erzählung gelauscht hatten, die sie von Darstellungen an Kirchenwänden und Türen kannten, die sie von Eltern oder Freunden gehört hatten – wieder und wieder auf diese Erzählung zurück: Wenn sie nämlich Antworten suchten auf die Rätsel und Fragen, die sie beschäftigten und verwirrten. Die Erzählung half zu erklären, spiegelte zumindest, was so beunruhigend war am Geschlechtsverkehr, an den Spannungen in der Ehe, an physischem Leiden und erschöpfender Arbeit, an niederschmetterndem Verlust und Trauer. Sie schauten auf Adam und Eva, und wie die Rabbinen, Priester und muslimischen Exegeten begriffen auch sie etwas ganz Entscheidendes über sich selbst.

Die Erzählung von Adam und Eva spricht uns alle an, handelt davon, wer wir sind, woher wir kommen, warum wir lieben, warum wir leiden. Ihr weiter Horizont scheint Teil ihrer Gestaltung. Drei großen Glaubenswelten dient sie als einer ihrer Grundsteine, geht zugleich aber jeder Religion voraus, zumindest behauptet sie das. Sie stellt dar, auf welch seltsame Weise sich unsere Gattung zu Arbeit, Sex und Tod verhält – zu Grundtatsachen des Daseins, die wir mit allen anderen Tieren gemeinsam haben; sie macht diese zum Gegenstand der Spekulation, so als wären sie miteinander verbunden, bedingt durch etwas, was wir getan haben; so als könnte andernfalls alles auch ganz anders gekommen sein.

Wir Menschen, so wird uns erzählt, sind einzigartig, geschaffen nach dem Bild Gottes, dem ähnlich, der unser Schöpfer ist. Gott hat uns damit zum Herrscher über alle anderen Arten eingesetzt, aber er gab uns auch etwas anderes: das Verbot, das gesetzt wurde, ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung. Im Anbeginn der Zeiten war es nicht notwendig, dass unsere ersten Vorfahren dies Verbot verstanden; notwendig war allein, dass sie es befolgten, notwendig war ihr Gehorsam. Dass Adam und Eva nicht gehorchten, dass sie Gottes ausdrückliches Gebot verletzten, war Grund und Ursache all dessen, was im weiteren Leben unserer ganzen Gattung folgte, vom universellen Phänomen der Scham bis zum universellen Faktum unserer Sterblichkeit.

Stephen Greenblatt: Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit. Siedler Verlag, 448 Seiten, 28,00 Euro. Aus dem Englischen von Klaus Binder.