Wer begreifen will, warum so viele Menschen im Frühling wieder anfangen, zu niesen und sich die Augen wund zu reiben, stelle sich ein Bataillon aus unterbeschäftigten Kriegern vor: In den Kampf ziehen sie schon lange nicht mehr, jetzt lungern sie vor der Kaserne herum und polieren ihre Gewehre. Weil einigen langweilig ist, machen sie sich auf, die Gegend zu erkunden. Irgendwann stoppt ein Rascheln den Trupp: "Da, im Busch!" Und tatsächlich, das Gestrüpp beginnt zu wackeln – den Soldaten wird mulmig, sie gehen nervös nach Hause. Ab jetzt aber mustern sie jeden Busch misstrauisch, schlagen beim kleinsten Erzittern der Blätter Alarm – und machen verdächtige Sträucher mit Kanonensalven platt. Dass es bloß Katzen sind, die im Gehölz klettern, spielt für die Krieger keine Rolle. Jeder Busch wird ab sofort gnadenlos bekämpft.

So ähnlich geht es in vielen menschlichen Körpern zu. Laut Robert-Koch-Institut: in jedem dritten. Ein knappes Drittel der Deutschen leidet nämlich an einer Allergie. Die Verteidigungsarmee ihres Körpers, das Immunsystem, bekämpft harmlose Gegner: Statt gegen Bakterien, Viren oder Würmer loszuschlagen, führt es Krieg gegen Birkenpollen, Erdnüsse und Katzenhaare. Solche Kämpfe versetzen den Körper in einen permanenten Ausnahmezustand, verursachen Hautausschläge, Atemnot oder Schwellungen. Und können zum Tode führen. Fast 25 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen, in Europa sind es 150 Millionen. Nie in der Geschichte der Menschheit gab es so viele Allergiker wie heute.

Statistiken aus der Schweiz belegen das eindrucksvoll. Dort hat sich allein der Anteil der Heuschnupfenkranken innerhalb von 60 Jahren verzehnfacht. Heute sind dort, wie in Deutschland, etwa 15 Prozent Pollenallergiker. Dazu kommen all jene, die auf Hausstaubmilben, Erdnüsse oder Fisch reagieren, auf Insektengifte, Nickel, Schimmelpilze, Tierhaare – oder vieles gleichzeitig. Fast jedes vierte Kind, das bei der AOK Nordost versichert ist, erhielt im Jahr 2015 eine Allergie-Diagnose.

Allergien sind die Epidemien unserer Zeit. Doch die meisten Betroffenen werden falsch oder gar nicht behandelt – mit gewaltigen Folgen: Zwischen 55 und 151 Milliarden Euro kosten unzureichend therapierte Allergiker in der Europäischen Union jährlich. Sie fallen bei der Arbeit aus, sind weniger belastbar oder müssen immer wieder ins Krankenhaus.

Millionen Menschen trauen sich dieser Tage, da der Pollenflug beginnt, kaum vor die Tür. Die verstopfte Nase, die brennenden Augen, der entzündete Hals mindern die Lebensqualität. Andere fürchten Restaurants oder Partys: Ein Splitter Erdnuss, ein übersehenes Stückchen Ei oder Muschel im Essen könnte sie töten. Viele leben daher in ständiger Sorge. Oder sind dauernd müde, weil die Nebenwirkungen der antiallergischen Medikamente oft heftig sind.

Die Medizin stand dem allergischen Phänomen lange ratlos gegenüber. In den vergangenen Jahren hat sich das geändert: Wissenschaftler sind kurz davor, zu begreifen, warum die Körperbrigaden marodieren – und bei wem. Nie zuvor waren gezielte Heilmittel für die Gequälten und Verfahren zu ihrem Schutz so zum Greifen nah. Die Allergieforschung hat einen gewaltigen Schub gemacht.

Dafür betreiben Forscher rund um den Globus erheblichen Aufwand. Sie durchleuchten endlose Gen-Sequenzen und Immunbotenstoffe. Und: Sie analysieren gesellschaftliche Umwälzungen, die uns anfällig machen.

Eine Spur führt nach Polen. Dort ist die Zahl der Allergien sprunghaft gestiegen. Der Zeitpunkt lässt sich gut bestimmen: 2003 untersuchten Forscher der Medizinischen Universität Breslau und des Imperial College in London nämlich Dorfbewohner im Südwesten Polens mit Hauttests, ob sie auf Hausstaubmilben, Katzenhaare, Graspollen und Baumpollen "sensibel" reagierten. Bei sieben Prozent der Bewohner schlug der Test an. 2012 wiederholten die Allergologen die Untersuchung – und plötzlich waren 20 Prozent der Bewohner sensibilisiert. Was war zwischen 2003 und 2012 in Polen geschehen, das den Körper der Betroffenen derart beeinflusst hatte? Die Mediziner hegten den Verdacht: der EU-Beitritt.

Denn mit der Aufnahme in die Europäische Union waren all die neuen Regularien der Landwirtschaft gekommen, die das Zusammenleben von Tier und Mensch grundlegend änderten: Kühe und Schweine hielt man nun weiter weg vom Hof. Die Dorfbewohner hatten fortan deutlich weniger Kontakt zu Tieren. Auch das lässt sich beziffern: 2003 hatten 24 Prozent der Dorfbewohner Kontakt mit Kühen, 2012 waren es bloß noch vier Prozent.

Die EU-Mitgliedschaft Polens war für die Allergieforschung ein Glücksfall. Quasi unter Laborbedingungen konnten sie beobachten, was geschieht, wenn neue Lebensbedingungen über ein Land hereinbrechen. Wenn das Leben sich von der Natur entfernt – vielleicht zu sehr.