Dass das Immunsystem moderner Menschen immer öfter grundlos überreagiert, hat mit unserem Lebensstil zu tun, davon sind viele Forscher überzeugt. Die Soldaten unseres Körpers sind unterfordert. "Wenn es nichts Richtiges zu tun gibt, reagieren bestimmte Zellen unseres Immunsystems, sozusagen die Vorhut, auf Nichtigkeiten", meint die Münchner Allergologin Erika von Mutius. Jahrtausendelang erfuhr das Immunsystem ein hartes Training. "Bis zum Ersten Weltkrieg war das Leben auf Höfen, zusammen mit Hühnern, Kühen und Stroh, die Regel", sagt von Mutius. Dann zogen die Menschen von den Höfen in die Städte, es kamen länger haltbar gemachte Lebensmittel und Antibiotika auf, und die Vielfalt der Kleinstlebewesen in und auf dem menschlichen Körper schwand drastisch. Kaum Reize also, um das Immunsystem zu beschäftigen.

Im Umkehrschluss heißt das: Ein Leben mit Tieren und Dreck schützt vor Allergien.

Erste Anhaltspunkte für diese These gewann Erika von Mutius Ende der 1990er Jahre. Damals untersuchte sie, wie häufig welche Kinder Heuschnupfen und Asthma bekommen, und stellte fest: Bauernkinder mit großer Nähe zu Tier, Stroh und Heu waren weit weniger anfällig als andere Kinder im selben Dorf. Ähnliches findet man bei den Kindern der traditionsbewussten Religionsgemeinschaft der Amischen, die in den USA noch heute Landwirtschaft wie vor Hunderten von Jahren betreiben. Etwa fünf Prozent der Amischen zwischen 6 und 14 Jahren leiden an Asthma – nur halb so viele wie im amerikanischen Durchschnitt. Und man weiß: Die Atemkrankheit Asthma wird in den meisten Fällen von einer Allergie ausgelöst. Inzwischen gibt es mehr als 40 Studien, die eine Schutzfunktion des Hofes, den Bauernhof-Effekt, wie von Mutius das nennt, belegen. Die Kinderärztin und Allergologin leitet seit 2017 das neu gegründete Institut für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz Zentrum München. Im Januar hat sie eine groß angelegte Studie gestartet, die in den Alltag Tausender Familien eingreift. Im Zentrum steht: die Milch. "Wir haben gesehen, dass Bauernkinder ihre Milch oft direkt vom Hof trinken. Und es gab viele Anzeichen, dass gerade dieser Konsum von Rohmilch gegen Allergien schützt", sagt von Mutius. Auch die Polen-Studie zeigte, dass 2003 noch 35 Prozent der Dorfbewohner Rohmilch tranken, 2012 jedoch nur 9 Prozent. Aus dieser Beobachtung könnte nun etwas entstehen, das, wie eine Impfung, Kinder vor Allergien schützt.

Für ihr Experiment hat die Forscherin eine schonend pasteurisierte Milch herstellen lassen – eine, in der Eiweiße, Fette und Abwehrstoffe noch wie in der Rohmilch vorhanden sind, die aber keine krank machenden Keime mehr enthält. Nah an der Rohmilch, bloß eben: sicher. In einem Feldversuch mit 3000 Neugeborenen in Regensburg und München wird die Milch nun getestet. Die Hälfte der Versuchsbabys bekommt nach dem Abstillen diese Milch zu trinken, als Kakao oder im Müsli, bis sie etwa drei Jahre alt sind. Die Vergleichsgruppe bekommt normale Milch aus dem Supermarkt. Nach fünf Jahren wollen die Forscher überprüfen: Wer hat weniger Allergien entwickelt? "Rohmilch ist nicht die Antwort auf alle Fragen und auch kein Allheilmittel", sagt von Mutius. Es ist eine Spur von vielen. Doch wenn ihre Vermutung zutrifft, könnte sich daraus eine simple Empfehlung für Eltern ergeben.

Neben der Milch kommen weitere Faktoren infrage – und alle deuten in dieselbe Richtung: Das Immunsystem muss gezielt gefordert werden. Auch der Umgang mit Tieren selbst stärkt die Immunabwehr vermutlich. Züricher Forscher zeigten 2017, dass Sialinsäure, die etwa in Speichel und Schleimhäuten vieler Nutztiere zu finden ist, entscheidenden Einfluss haben kann. Nehmen wir diesen Stoff in uns auf – etwa indem wir Katzen und Kühe streicheln oder Fleisch und Käse essen –, stößt er, glauben die Forscher, antientzündliche Reaktionen an.

Andere Allergologen halten den Staub der Bauernhöfe für einen wirksamen Schutz. Sie fanden heraus, dass der menschliche Körper durch ihn mehr von einem bestimmten Protein produziert, das entzündliche Prozesse unterdrückt.

Milch, Tiere oder Staub – alle Studien stützen dieselbe Grundannahme: Durch den Kontakt mit Staub und Tieren und durch das Trinken unbehandelter Milch gelangen Bakterien, Pilze und wohl auch gewisse Fette, Zucker und Säuren in den Körper. Einige davon trainieren vermutlich körpereigene Abwehrkräfte, sodass diese lernen, Freund und Eindringling besser zu unterscheiden. Und dass Bauernhofkinder mit einer viel größeren Zahl an Mikroorganismen zusammenleben als andere Kinder, ist erwiesen.

Diese Erkenntnis ruft auch Romantiker auf die Bildfläche, die finden: Früher war alles besser, wir leben heute einfach zu steril. Und sie verweisen auf den Namen, unter dem die Bauernhof-These firmiert: "Hygiene-Hypothese".

Hier aber liegt ein großes Missverständnis vor: Mit übertriebener Hygiene im häuslichen Raum hat der Allergieanstieg nämlich nichts zu tun. "Das haben wir ausführlich untersucht", sagt von Mutius. Sie befragte 2015 an die 400 Familien: Wie häufig wird die Wohnung geputzt, wird geduscht, werden die Hände gewaschen? Resultat: "Es gibt keinen Zusammenhang mit Allergien."