Die deutsche Wissenschaft neigt zu Statusdenken: Man schätzt formalisierte Qualifikationshürden, man achtet Titel, man bewahrt die Tradition. Es gibt allerdings noch einen Wert, der an den Universitäten hochgehalten wird: Substanz.

Dass jetzt mit Anja Karliczek eine Person ins höchste politische Wissenschaftsamt berufen werden soll, die bislang kein Interesse an der Wissenschaft gezeigt hat, irritiert die Scientific Community. Karliczek, 46, hat Bankkauf- und Hotelfachfrau gelernt und ein BWL-Fernstudium absolviert. Das ist solide; die Insignien des Akademischen jedoch, die Nähe zum Milieu und die Expertise – das alles fehlt ihr. Die Ziselierungen der Exzellenzstrategie, der Streit ums Promotionsrecht der FHs, die Kapazitätsverordnung: Neuland.

Man kann sich die Personalie schönreden: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist gut in Schuss; die Staatssekretäre werden die Details schon im Auge behalten; mit einem Etat von fast 18 Milliarden Euro kann man sich beliebt machen, zumal sich die großen Räder ihrer Vorgängerin Johanna Wanka wie der Hochschulpakt fast von selbst drehen. Und eine Bildungsministerin, die einen Ausbildungsbetrieb nicht nur aus der Theorie kennt – ist das nicht ein Signal wider den akademischen Dünkel? Leider nein.

Das Umgekehrte stimmt: Die CDU offenbart mit dieser Personalie, wie beschämend gering sie die deutsche Wissenschaftslandschaft schätzt. Sie verkennt, welches Potenzial Millionen Studenten und Forscherinnen bedeuten, welche Gestaltungsräume die neue Bund-Länder-Kooperation bietet. Von Ideen, was Bildung im digitalen Zeitalter heißt, ganz zu schweigen. Die CDU hielt es nicht für nötig, Bildung und Forschung als Zukunftsthema zu begreifen, indem sie politische Vordenkerinnen auf diesem Gebiet systematisch fördert.

Anja Karliczek wird den Preis für die Geringschätzung durch ihre Partei zahlen müssen. Ihre größte Chance liegt in der Kerntugend der Wissenschaft: der Neugierde auf alles Unbekannte.