Warten kann wehtun. Als Antonia Baader* kürzlich in einer auf Schmerztherapie spezialisierten Praxis wegen eines Termins anrief, um ihre chronischen Rückenschmerzen behandeln zu lassen, hieß es: "Vor 2019 haben wir keinen Termin mehr frei." Baader war fassungslos. Klar, von der Praxis und den beiden Anästhesisten dort hatte sie viel Gutes gehört, da wollten sicherlich viele hin. Aber ein Jahr lang auf einen Termin warten? Konnte das etwas damit zu tun haben, dass sie Kassenpatientin war?

Um sich zu erkundigen, was sie tun könnte, rief Baader bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) an, einer gemeinnützigen Organisation, die Patienten kostenlos bei Fragen rund um die Themen Gesundheit und Patientenrechte berät. Doch auch dort konnte man ihr nicht weiterhelfen. Jede Arztpraxis kann ihre Termine weitestgehend nach eigenem Ermessen vergeben, ohne darüber Rechenschaft abzulegen. Erst nach zahllosen weiteren Anrufen bekam sie einen Termin – zweieinhalb Monate später.

Bei der UDP erinnert man sich noch gut an Antonia Baader, als ein besonders krasses Beispiel für ein weitverbreitetes Problem. "Dass es mitunter länger dauert, bis man einen Facharzttermin bekommt, beschäftigt die Patienten", sagt Jann Ohlendorf von der UPD. Damit bestätigt Ohlendorf etwas, was nicht nur gefühlt jedermann selbst erlebt oder im Bekanntenkreis erfährt. Die Organisation der Gesundheitsversorgung war in den Koalitionsverhandlungen so umstritten, dass man bislang zu keiner Linie gefunden hat. Stattdessen soll, so steht es im Koalitionsvertrag, eine Kommission weiter an dem Thema arbeiten und bis Ende 2019 Vorschläge vorlegen. Der designierte Gesundheitsminister Jens Spahn will, dass gesetzlich und privat Versicherte zukünftig gleich schnell einen Termin bekommen.

Streit gab es insbesondere um das Schlagwort "Zweiklassenmedizin". Es entstand der Eindruck, dass Wartezeiten allein dem gesetzlich Versicherten drohen und der Privatpatient bevorzugt wird. Eine allgemeine Bürgerversicherung müsste das Problem also lösen. Doch das Problem ist erheblich vielschichtiger, es ist das Ergebnis einer insgesamt mangelhaften Anpassung an eine veränderte Demografie, an technische Möglichkeiten, an Patienten- und Ärztewünsche.

Dabei scheinen hierzulande die Voraussetzungen für eine ideale Gesundheitsversorgung besonders gut zu sein. Deutschland hat im internationalen Vergleich eine enorm hohe Arztdichte, sowohl an Hausärzten als auch an Fachärzten – und doch wartet man auf Facharzttermine wochenlang, manchmal monatelang. Wie kann das sein?

Die naheliegende Antwort: Es gibt zumindest in manchen Fachgebieten und in manchen Regionen eben doch zu wenig Fachärzte. Für eine Reihe von Fächern klaffen vielerorts teils drastische Lücken. Das zeigt der Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. In Landshut und Umgebung zum Beispiel gibt es keinen einzigen Neurologen, in Osthessen keinen Kinder- und Jugendpsychiater und in der Südwestpfalz keinen HNO-Arzt (Stand 2016)**.

Dabei ließe sich die Verteilung der Fachärzte eigentlich steuern: Die sogenannte Bedarfsplanung gibt vor, wie viele Neurologen, wie viele Orthopäden, wie viele Augenärzte und so weiter sich an einem Ort niederlassen dürfen. Dabei wird vor allem die Bevölkerungszahl im zu versorgenden Gebiet berücksichtigt, zu einem geringen Teil auch das Alter der Bevölkerung. Für Martin Albrecht, Geschäftsführer des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung in Berlin (IGES), reicht das noch lange nicht: Regionale Unterschiede bei der Häufigkeit von Krankheiten würden zu wenig berücksichtigt bei der Bedarfsplanung. "Und die erwartete Bevölkerungsentwicklung spielt gar keine Rolle", sagt Albrecht.

Darüber hinaus sind manche Fachärzte derart spezialisiert, dass sie wenig Zeit für die "normalen" Patienten haben: "Wenn sich eine Augenarztpraxis zum Beispiel auf Katarakt-Operationen spezialisiert hat, steht sie für die augenärztliche Grundversorgung nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung", sagt Albrecht. Klar, dass bei solchen Praxen ein Termin für eine einfache Kontrolle der Kurzsichtigkeit schwerer zu bekommen ist – stehen die Augenärzte hier doch öfter im Operationssaal.

Die Folge von alldem: Die Bedarfsplanung unterscheidet sich teilweise erheblich vom wirklichen Bedarf am Ort. Dieses Problem hat man auf höchster Ebene zwar bereits erkannt. Die Bedarfsplanung wird zurzeit im Auftrag der Bundesregierung überarbeitet. Aber selbst wenn eine neue Regelung bald in Kraft tritt, lassen sich Ärzte nicht kurzfristig wie Figuren auf der Deutschlandkarte hin und her schieben.