Als Dirk Schulze-Makuch im März 2015 den Wetterbericht sah, dachte er: "Das kann doch nicht wahr sein!" In wenigen Wochen wollte der Professor für Astrobiologie von der TU Berlin mit einem Team von internationalen Forschern in eine der trockensten Regionen der Welt reisen, in die südamerikanische Atacama-Wüste. Sie wollten Bodenproben nehmen, alles war monatelang geplant. Und jetzt regnete es dort.

In der Kernregion fällt manchmal über Jahrzehnte kein Niederschlag. Zur extremen Trockenheit kommen UV-Strahlung, die durch kein Wölkchen abgeschwächt wird, und ein nährstoffarmer Boden voller hochreaktiver Perchlorate. Fast nirgends auf der Erde sind die Bedingungen für Leben schlechter. Genau deshalb gilt die Atacama-Wüste als ideales Versuchsfeld, wenn es um die Frage geht, wie anpassungsfähig Organismen sein können.

Zwar wurde in der Wüste immer wieder DNA gefunden, doch bis jetzt war unklar, ob es sich dabei um Erbmaterial von Mikroben handelt, die es tatsächlich geschafft hatten, dort zu überleben, oder ob nicht vielmehr der Wind das Zellmaterial herangeweht hatte. Schulze-Makuch war über den Regen nicht gerade glücklich, denn niemand wusste, wie sich ein so seltenes Ereignis auf die Forschungsergebnisse auswirken würde.

Trotzdem zog das Team los, beladen mit Spaten, Spitzhacke und sterilisierten Löffeln. An sechs verschiedenen Standorten der Atacama-Wüste nahmen die Wissenschaftler Bodenproben, wie sie diese Woche im Fachblatt PNAS schreiben. Sucht man darin nach Leben, kommt selbst modernste Technik an ihre Grenzen – so wenig Zellmaterial ist darin enthalten. Nach dem Regen allerdings stießen die Forscher bei ihren Analysen auf eine Vielfalt von kleinsten Organismen. Die meisten davon waren Bakterien, sie fanden aber auch Archaebakterien, Pilze und Viren. "Wir haben hauptsächlich Organismen gefunden, die man dort auch erwarten würde. Etwa solche, die UV-resistent sind oder in Salzkrusten leben", sagt Schulze-Makuch. "Wenn sie vom Wind dahin geweht worden wären, hätten wir hingegen einen Querschnitt aller möglichen Organismen erhalten."

Damit ist es wahrscheinlich, dass sich das Leben in der Wüste entwickelt hat. Mit modernsten Genanalysen gelang es den Forschern, nachzuweisen, dass viele Organismen über einen Stoffwechsel verfügten und sich vermehrten – beides Hinweise auf Leben. Offensichtlich hatte der Niederschlag dafür gesorgt, dass die Mikroben genug Wasser hatten und sich pudelwohl fühlten.

Schulze-Makuch und sein Team kehrten 2016 und 2017 an dieselben Stellen in der Wüste zurück – mit dem Unterschied, dass dort in der Zwischenzeit kein Niederschlag gefallen war. Verglichen mit dem Regenjahr 2015 fanden die Forscher jetzt nur einen Bruchteil der Lebensformen – je trockener die Grabungsstellen waren, desto weniger entdeckten sie. Doch der Wassermangel hatte keineswegs alles Lebendige umgebracht. 20 bis 30 Zentimeter unterhalb der Oberfläche stießen die Wissenschaftler auf Gemeinschaften von Mikroorganismen, die diese Zone als Lebensraum nutzten. Mit der Trockenheit waren sie in eine Art Schlafzustand mit geringerer Aktivität gefallen.

Selbst in den trockensten Regionen der Wüste existieren also Lebensformen. Sie haben Mechanismen entwickelt, mit denen sie widrige Bedingungen über lange Zeiträume überleben – sie blühen nur dann auf, wenn genug Wasser vorhanden ist. "Ohne den Regen vor der ersten Expedition hätten wir das so niemals nachweisen können", sagt Schulze-Makuch.

Auch über die Erde hinaus sind die Ergebnisse von Bedeutung. Die Atacama-Wüste wird wegen ihrer Bedingungen oft mit dem Mars verglichen. Zwar ist es dort heute kälter und noch trockener als in der Atacama. Aber bevor seine Oberfläche zur Wüste wurde, gab es auf dem Mars Meere, in denen sich Leben entwickelt haben könnte. Falls dem so war und diese Mikroorganismen dieselben Strategien nutzten wie jene auf der Erde, könnten einige den Übergang zu den heutigen Extrembedingungen unter der Oberfläche überlebt haben. In diesem Fall warten auf dem Mars vielleicht gerade unzählige Kleinstlebewesen auf den Moment, in dem sie wieder erwachen.