Julian Reichelt ist im Stress. Es ist Donnerstag, der 15. Februar, kurz nach sieben Uhr abends – also Hauptproduktionszeit in der Zentrale der Bild-Zeitung. Hier, hoch oben im Gebäude des Axel-Springer-Verlags in Berlin, liegt das Herz der Redaktion: der Newsroom.

Die Szene könnte, so wie Mitarbeiter sie beschreiben, auch in einem Kreuzberger Start-up-Unternehmen spielen. Früher herrschten hier ältere Chefredakteure in Anzug und Krawatte von ihren fest zementierten Stammplätzen aus über das Blatt. Heute gleicht der Newsroom einem Maschinenraum. Für Außenstehende ist eine Hierarchie nicht erkennbar.

Doch es gibt sie.

Im Zentrum steht ein Ring aus Tischen, daran arbeiten all jene Journalisten, die Bild "machen". Über dem Ring hängen Bildschirme, auf denen diverse Fernsehsender, Websites und Bild-Seiten flimmern. Der Newsroom ist die Schaltzentrale des Chefredakteurs, seine Bühne oder – bei diesem Chefredakteur – der Gefechtsstand.

"Ich kann jetzt nicht in Ruhe telefonieren", sagt der ehemalige Kriegsreporter Julian Reichelt, mit 37 Jahren der jüngste Bild-Chef aller Zeiten. Er ist noch keine zwei Wochen allein in diesem Amt, er muss sich jetzt konzentrieren und entscheiden, mit welcher Geschichte die Bild am nächsten Morgen ihr Publikum am Kiosk einfangen will.

Darum geht es jeden verdammten Tag: die richtige Aufmachung finden, eine, die für Aufmerksamkeit sorgt. Bild lebt nicht von vielen treuen Abonnenten, sondern davon, dass eine disparate Menge von Menschen jeden Tag aufs Neue bereit ist, am Kiosk zwischen 70 und 90 Cent hinzulegen. Deshalb kommt es auf die Seite eins an. Reichelt muss auch jetzt ausloten, ob die Titelzeile sitzt. Ob sie schreit. Ob sie lockt.

Aufmerksamkeit erregt sie am anderen Morgen auf jeden Fall. Sie lautet: "Neue Schmutzkampagne bei der SPD – Es geht um brisante Mails, den Juso-Chef und einen Mann namens Juri".

Wenige Tage später fliegt Reichelt diese vermeintliche Enthüllungsstory um die Ohren. Die Mails, auf die Bild sich stützt, sind gefälscht, einen "Juri" gibt es nicht und auch keine Schmutzkampagne bei der SPD. Es gibt bloß ein freches Spaßmacherblatt, das Satiremagazin Titanic, das Reichelt und seinen Getreuen die Fälschungen untergeschoben und alle hereingelegt hat.

Fehler macht jeder, auch jeder Journalist. Aber diese Affäre illustriert besonders deutlich, wie Deutschlands größte Zeitung tickt, wie sie kämpft, wie ihre Macher glauben kämpfen zu müssen in einer Gesellschaft, die sich rasend schnell wandelt und in der Social Media der Yellow Press längst den Rang abgelaufen haben.

Der Fehler ist nicht so wichtig wie die Geschichte hinter dem Fehler. Sie handelt vom Ehrgeiz und von Skrupeln, von großen Egos und noch größerem Erfolgsdruck. Von Intrigen und Richtungskämpfen. Von einer Redaktion, die in Zeiten des Internets ihre Bedeutung verliert und nach einer neuen Richtung sucht. Und von Meinungsmachern, die versuchen, ihre Meinungsmacht mit allen Mitteln zu erhalten.