Bald gibt es keine Geheimnisse mehr! Das mag denken, wer den Aufsatz dreier griechischer Informatiker liest. "Deine Webcam kennt vielleicht dein Gesicht, aber deine Tastatur kennt dein Geschlecht", fasst Science ihn zusammen. Die Forscher haben im Journal Digital Investigation gezeigt, dass eine Analyse subtiler Unterschiede (zum Beispiel: Wie viele Millisekunden liegen zwischen einem "n" und einem "o"?) in 19 von 20 Fällen verrät, ob eine Frau oder ein Mann getippt hat.

Die Autoren um Ioannis Tsimperidis betonen den konkreten Nutzen solcher Mustererkennung etwa für die Forensik, um die wahre Herkunft einer Nachricht zu identifizieren. Für den modernen Sherlock Holmes ist selbst Tastengeklapper eine Spur.

Kategorisch wird es, wenn man sich mit den Grundlagen des Aufsatzes befasst: Alleine aus der Dynamik des Tippens können Forscher Zehntausende Merkmale ableiten. "Jedes davon enthält irgendeine Information", betonen die Autoren. Für ihren Männer-Frauen-Test hatten sie nur wenige Hundert Merkmale einbezogen. Da fragt man sich, was man beim arglosen Tippen alles noch so über sich preisgibt.

Schon vor zehn Jahren hatten Regensburger Informatiker gezeigt, dass solche Merkmale ausreichen, um einen Nutzer zu identifizieren, demnach also als Passwortersatz taugen (ZEIT Nr. 2/10). Banken werten heimlich Parameter wie die Bewegung des Mauszeigers aus, um Online-Kunden von Hackern zu unterscheiden (ZEIT Nr. 23/17). Und nun eben der Mann-Frau-Test der Griechen. Währenddessen denkt der Laie bei "Biometrie" immer noch nur an Fingerabdruck und Iris-Scan ...

Für sich genommen sind das alles bloß Beispiele legitimer Analysen. Aber denkt man zusammen, welche Erkenntnisse biometrische Daten angesichts von Vernetzung, Überall-Sensorik und künstlicher Intelligenz bieten, dann scheint das so umfassend wie die Wortbestandteile von Biometrie: bíos und métron – Leben und Maß. Längst arbeiten Informatiker an automatic gait recognition , der Identifikation einer Person anhand ihres Gangs, an der Zuordnung einzelner Stimmen und der Erkennung von Lippenbewegungen.

Klingt dystopisch, ja panoptisch?

Als "Panoptikum" (von griech. alles und sehend) hatte der Philosoph Jeremy Bentham im späten 18. Jahrhundert die Idee eines Gefängnisses bezeichnet, bei dem jede einzelne Zelle stets einsehbar ist. Der große Michel Foucault sprach Ende des 20. Jahrhunderts vom "Panoptismus" und meinte damit in etwa: Moderne Gesellschaften werden unter anderem durch ihre prinzipielle Überwachbarkeit diszipliniert. Und damals ahnte man heutige Digitaltechnik höchstens in der fantastischen Literatur!

Die reale Zukunft dokumentiert jede einzelne unserer Regungen. Vor den Maschinen haben wir dann keine Geheimnisse mehr. Zur Analyse unseres Tuns ist es da nicht weit. Lehrt doch die Erfahrung: Irgendwann wird jede digitale Spur auch von einem Informatiker übersetzt.