Wie Demokratien sterben heißt ein Buch, das in den Vereinigten Staaten gerade heftig diskutiert wird. Das mag, trotz aller Trumperei, fast hysterisch klingen, aber der Bestseller der beiden Harvard-Professoren Steven Levitsky und Daniel Ziblatt ist alles andere als überdreht, es ist eine kühle Analyse, wie selbst starke Demokratien zugrunde gehen können: nicht durch einen Militärputsch oder eine Revolution, sondern durch ein zeitlupenlangsames Abrutschen ins Autoritäre.

Levitsky und Ziblatt argumentieren in How Democracies Die, die größte Gefahr für das liberale politische System des Westens gehe von der Erosion fundamentaler Verabredungen aus: dass man, links wie rechts, im politischen Gegenüber nicht mehr den Mitbürger mit einer legitimen anderen Meinung sehe, sondern den Feind. Dass man aus dessen Äußerungen stets das denkbar Schlimmste heraushöre. Dass die Mehrheit ihre Rechte gegen die Minderheit maximal ausdehne. Dass Herrschaft nicht mehr auf Zeit gewonnen, sondern auf Dauer erobert und um fast jeden Preis verteidigt werde. Dass das Recht nicht als Grenze der Macht angesehen werde, sondern als Waffe der Mächtigen.

Wie das funktioniert, kann man derzeit überall im Westen beobachten, in den Vereinigten Staaten selbst, im Brexit-Großbritannien, in Polen und Ungarn, in Spanien, das sich über der Frage der Unabhängigkeit Kataloniens zerreißt. Überall ist es das Wurzelwerk der Zivilität selbst, das Schaden nimmt, überall frisst sich das Misstrauen gegen Institutionen und Eliten in die Gesellschaften. In Deutschland war davon ein Staatsorgan bislang fast vollständig verschont: das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Als das höchste deutsche Gericht unlängst über ein Verbot der NPD verhandelte, wurde es sogar von deren Parteigranden mit demonstrativem Respekt behandelt. Auch die AfD ist im Ton gegenüber Karlsruhe noch zurückhaltend, aber die Untertöne sind eindeutig: Nach dem Urteil, ein drittes Geschlecht in das Geburtenregister aufzunehmen, erklärte die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel, das Verfassungsgericht sei "nicht der bessere Gesetzgeber und schon gar nicht vom Souverän, dem Bürger, legitimiert". Nach dem jüngsten Kopftuchurteil sagte AfD-Sprecher Jörg Meuthen, Karlsruhe befördere die "schleichende Islamisierung" des Landes.

Vor diesem Hintergrund wird der bevorstehende Geburtstag von Ferdinand Kirchhof zu einem Politikum. Kirchhof ist ein freundlicher Herr in den besten Jahren, ein eloquenter Jurist mit einem ausgeprägten Sinn für Ironie – und Richter am Verfassungsgericht. Am 21. Juni wird er 68 Jahre alt. Damit endet seine Amtszeit als Vizepräsident des Gerichts, eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger muss gewählt werden. Und diese Nachfolgerin oder dieser Nachfolger wiederum wird aller Voraussicht nach im Jahr 2020, wenn auch der derzeitige Präsident Andreas Voßkuhle das Gericht verlässt, nächster Präsident oder nächste Präsidentin des Verfassungsgerichts. Für zehn Jahre, eine halbe Ewigkeit also, bis ins Jahr 2030. Wer weiß, wie viele Kanzler bis dahin kommen und gehen.

Anders gesagt: Die Nachfolge von Ferdinand Kirchhoff ist eine der bedeutsamsten Personalentscheidungen der Republik. Im Vergleich dazu ist die Nominierung von Horst Seehofer zum Innen- und Heimatminister bloß eine Marginalie.

Rein formal ist der Präsident des Verfassungsgerichts fünfter Mann im Staate, dicht hinter dem Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin. Aber das fängt die Bedeutung des Amtes nicht annähernd ein. Das Verfassungsgericht wacht über die Einhaltung des Grundgesetzes, einem Schiedsrichter gleich garantiert es, dass die Spielregeln der Politik eingehalten und die Grundrechte eines jeden einzelnen Bürgers geachtet werden.

Wem das zu abstrakt klingt: Die Richter in Karlsruhe haben erst Anfang der Woche die geschäftsführende Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) gerügt, weil die ihr Amt allzu parteiisch zum Wahlkampf gegen die AfD genutzt hatte. Die Richter haben vor Jahren die Vorratsdatenspeicherung gestoppt, das allgemeine Rauchverbot in Kneipen aufgehoben, das Tragen von Kopftüchern in Schulen erlaubt, die geltende Abtreibungsregelung "erfunden", sie haben der europäischen Integration Grenzen gesetzt, schützen mit Entschiedenheit die Meinungsfreiheit, und zurzeit klären sie häufig in buchstäblich letzter Sekunde, ob ein Migrant aus Deutschland abgeschoben werden darf oder nicht. Da wird dann auch schon mal ein Abzuschiebender wieder aus dem startklaren Flugzeug herausgeholt, wenn die Richter das anordnen.