Er passe nie ganz auf ein Foto, scherzt Oliver, als er den Perlmans gegenübertritt. Sechs Wochen wird der amerikanische Doktorand bei der gebildeten, weltgewandten Familie in der alten norditalienischen Villa auf dem Land zu Gast sein und als Sommerpraktikant bei den Ausgrabungen von Professor Perlman assistieren. Tatsächlich ist Oliver sehr groß, und seine selbstbewusste Maskulinität überwältigt Elio Perlman geradezu. Oliver ist ein 17-Jähriger mit einem Faible für klassische Musik, der eigentlich glücklich ist mit seiner Freundin Marzia. Fotografien von Körpern, von berückend schönen antiken Statuen eröffnen den neuen Film des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino, einen Film, der von Liebe erzählt und dabei auf dem Grund dieses in Klischees gefangenen Gefühls anlangt, ohne irgendein Pathos zu bemühen.

Die Trägheit heißer Tage und lauer Nächte, das Leben der Protagonisten mit und in der Natur verleihen Call Me by Your Name (nominiert für den Oscar des besten Films) eine Mühelosigkeit, die ihresgleichen sucht im Kino der Gegenwart. Die Luft scheint zu flirren, wenn sich Elio (Timothée Chalamet) und Oliver (Armie Hammer) während kleiner Fahrrad- oder Schwimmausflüge langsam kennenlernen. Immer wieder suchen sie den Blick des anderen, es fallen Anspielungen, scheinbar unverfängliche Berührungen elektrisieren. Die Mehrdeutigkeit ihrer Beziehung provoziert beide, und den Versuchen, sie zu definieren, eignet etwas Spielerisches, wenn in diesem Garten Eden herumgetollt, hier eine Geste gewagt, angenommen oder zurückgewiesen wird (Kamera: Sayombhu Mukdeeprom). Eine hinreißende Feinheit in der Darstellung charakterisiert dieses Herumprobieren, das zärtlich, aber auch grob und komisch sein darf. Gewiss ist zunächst nur, dass Olivers Persönlichkeit viel Raum beansprucht und Elios ungelenkes Werben beide verändern wird.

Call Me by Your Name nimmt weniger die schwule Liebe als die Dinglichkeit des Verliebtseins selbst in den Blick. Luca Guadagnino drehte diesen Film, der auf einem Roman von André Aciman und auf einem Drehbuch von James Ivory basiert, in der Nähe von Cremona in der Lombardei, wo er lebt. Die Intimität seiner Inszenierung schließt Gedanken über das Verhältnis von Leben und Kunst, Kino und Politik ein – und überhaupt ist man am Ende erstaunt, wie viel Reichtum Platz findet in diesen nahezu schwerelosen 120 Kinominuten. Call Me by Your Name ist auch Guadagninos Hommage an die Väter in seinem Leben: seinen eigenen, aber auch seine cinematografischen Väter Renoir, Rivette, Rohmer, Bertolucci. Zugleich bildet diese Geschichte einer sexuellen Erweckung den Abschluss einer filmischen Trilogie über das Begehren, die mit I Am Love begonnen und mit A Bigger Splash fortgesetzt wurde: Studien über Obsessionen, vom Besitzenwollen bis hin zur Verachtung. Call Me by Your Name beendet diese Trilogie nun mit dem keineswegs schmerzlosen Idyll einer Jugend. Eine kurze, aber lebenslang prägende Zeit wandeln Elio, Oliver und Marzia (Esther Garrel) in jener wunderbaren Verwirrung, die Truman Capote einst beschrieb, als er sagte, dass Liebe, da sie um keine Geografie weiß, auch keine Begrenzungen kenne.