In Deutschland, um ein berühmtes Wort in Anschlag zu bringen, steht die Sonne der Kultur niedrig, denn auch Zwerge werfen hier lange Schatten. Es fehlt dem Land an Helden, sie werden sofort kleingemacht, noch ehe sie richtig groß sind. Doch es gibt Ausnahmen, und die Ausnahmen sind unsere kritischen Leser. Wir lieben unsere kritischen Leser, und niemand sollte abseits stehen, sie gebührend zu feiern. Zu unserem Bedauern gibt es unter diesen jungen Helden viele, die uns aufrichtig erklären, ihre Liebe zur Qualitätspresse sei in die Jahre gekommen, sie sei schal und matt geworden. Wann immer sie ein qualitativ hochwertiges Organ aufschlügen: Ob beim Atomausstieg, bei der Griechenland- oder der Flüchtlingskrise – "ständig wird man darüber belehrt, was man zu denken habe".

Kritische Kollegen vom Heiligen Gral des deutschen Qualitätsjournalismus werden nun ihr Qualitätsschwert zücken und mit ihren kritischen Lesern die Klinge kreuzen. Wir allerdings gehören nicht dazu, wir brauchen die Kritik wie die Luft zum Atmen. Danke, liebe Leser! Und doch sollten wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, denn nicht jede Feststellung ist eine Meinungsäußerung. Nehmen wir den Satz "Atomstrahlen sind tödlich". Wir persönlich können nicht finden, dass er dem Leser eine Meinung vorschreibt, auch wenn wir zugeben, dass der Tod unstrittig zum natürlichen Leben dazugehört. Oder die "schädlichen Dieselabgase". Wir behaupten: Abgase sind von vornherein und prinzipiell schädlich – und nicht deshalb, weil Meinungsjournalisten die Messlatte so hoch setzen, dass kein Dieselauto schadlos drunter herfahren kann.

Noch ein Beispiel. Qualitätsjournalisten aus Wald-und-Wiesen-Ressorts behaupten bisweilen, die Gemeine Stinkmorchel habe bei uns ihr bevorzugtes Verbreitungsgebiet. Drängt das Wort von der Stinkmorchel dem Leser eine abartige Meinung über den Phallus impudicus auf? Beleidigt es den lieben Gott als dessen qualitativ anspruchsvollen Schöpfer? Auch den Satz "Die Erde ist eine Kugel und keine Scheibe" finden wir okay. Niemand muss denken, eine Scheibe sei schon deshalb minderwertig, weil sie keine Kugel ist und nie eine solche werden darf. Sagen wir es so: Tatsachen wollen wir weiterhin Tatsachen nennen und Meinungen Meinungen. Selbstverständlich wäre auch die prädikatlose Nichtexistenz der Welt eine Lösung – ein absolut leeres Qualitätsuniversum, in dem alles verschwände, die Meinung wie die Tatsache, das Medium und der kritische Leser. Wollen wir das? Wollen wir das wirklich? Achtung: Es gäbe darin keinen Anfang und kein FINIS