Die Kartonsterne vor den vergitterten Fenstern machen den gekachelten Besuchsraum nicht gemütlicher. Doch auf Gemütlichkeit legt hier ohnehin niemand Wert. Das junge Paar knutscht, so gut es geht. Die Eheleute, schon zu lange getrennt, um noch Gesprächsstoff zu haben, schauen stumm in die Runde. Und die massigen Männer in der Ecke reden in einer unverständlichen Sprache aufeinander ein, als planten sie den nächsten Coup.

Für Hugo Portmann ist es die 34. Weihnacht im Gefängnis. Man merkt es ihm nicht an. In zwei, drei flinken Schritten ist er beim Getränkeautomaten; mit dem präzisen Schwung eines Barmanns füllt er den Plastikbecher. Selbst zum Scherzen ist er noch immer aufgelegt. "Ich bin dick geworden", sagt er und schlägt mit der Hand auf seinen flachen Bauch. Reine Koketterie natürlich, niemand hier ist öfter im Fitnessraum als er. Früher trainierte er Kraft, später Ausdauer. Jetzt macht er Yoga: "Ich glaubte, das sei nur was für Kiffer."

Kiffen kam für ihn nie infrage. Auch Alkohol mied er. Auf der Flucht bestellte er Ovomaltine: "Nur schwache Menschen nehmen Drogen. Meine Droge heißt Freiheit." Dreimal versuchte er, sie mit Gewalt zu holen. Dreimal misslangen seine Ausbruchversuche. Jetzt geht er den mühsamen Weg durch die Instanzen; seine Briefe an Ämter und Gerichte füllen Dutzende von Ordnern. Manche wurden nie beantwortet, die andern abschlägig. Anwalt Bruno Steiner sagt: "Man will ihn einsperren, bis er als menschliche Masse vom Beton gekratzt werden muss."

Dabei wäre alles so einfach. Hugo Portmann müsste nur Ja sagen. Ja zur deliktorientierten Psychotherapie. Tut nicht weh. Finden Mitgefangene sogar unterhaltsam. Ist eine Abwechslung im öden Gefängnisalltag. Und für einen wie ihn das einzige Tor in die Freiheit. Denn wenn er am 17. Juni 2018 seine 35-jährige Zuchthausstrafe verbüßt hat, rutscht er als Gewohnheitsverbrecher geradewegs in die Verwahrung. Und Verwahrte bleiben ohne sogenannte freiwillige Psychotherapie ihr Leben lang hinter Mauern.

Doch Hugo Portmann will nicht. Sein Innenleben geht niemanden was an. "Der Kopf ist das Einzige, was mir noch gehört." Zudem ist er gesund; das bestätigten etliche Gutachten. Gesunde, sagt er, muss man nicht heilen. "Hier geht’s um Unterwerfung." Beispiele dafür, wie sich die Therapie auswirkt, hat er genügend um sich. "Die sind vollgepumpt mit Chemie, schleichen herum und nicken bei jeder Frage." Früher waren sie Menschen mit Ecken und Kanten, mit Selbstbewusstsein, eigenem Charakter und eigenem Denken. Anders gesagt: unbequem. Vielleicht sogar lästig. Und störend. "Jetzt sind sie willenlose Untertanen." Aber, sagt er, wir sind ja nur das Spiegelbild der Gesellschaft. Und draußen ist es nicht anders. Gewünscht werden problemlose Menschen, die gesellschaftlich und beruflich der Norm entsprechen und tun, was man ihnen befiehlt.

Bereits ein Fünftel aller Gefangenen im Zürcher Strafvollzug wird psychiatrisch oder psychologisch behandelt. Selbst der Drogenhändler, den man nach der Entlassung sogleich ausschafft, bekommt eine Therapie – und auch der bereits als unheilbar eingestufte Triebtäter: Erich Hauert, zum Beispiel, tötete die Pfadiführerin Pasquale Brumann auf seinem Freigang zum Psychiater. Das war 1993 am Zollikerberg.

Der Therapieboom begann vier Jahre später. Damals wurde Dr. Frank Urbaniok Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Zürcher Amt für Justizvollzug. Unter ihm hat sich die Zahl der angestellten Psychologen und Psychiater auf etwa 30 verdoppelt. Unterstützt werden sie von 38 freiberuflich tätigen Therapeuten. Viele kamen in die Schweiz, um, wie der Chef, hier rasch Karriere zu machen. Als dies nicht auf Anhieb klappte, eröffneten sie eine eigene Praxis in der Nähe ihrer Futterkrippe, der größten Schweizer Strafanstalt in Regensdorf.

Hugo Portmann nennt seinen Aufenthaltsort "Urbanioks Psycho-Versuchsanstalt". Den Chefarzt bezeichnet er nach dem Schweizer TV-Wahrsager als Mike Shiva, seine Mitarbeiter als "eine Sekte, die ihr Geld vom Steuerzahler erschleicht". Es ist ziemlich viel Geld. Eine Therapiestunde kostet rund 250 Franken. Die Behandlung erfolgt mehrmals wöchentlich und dauert im Durchschnitt viereinhalb Jahre. Es gibt auch Gefangene mit zehn und mehr Therapiejahren. Und noch immer, so bedauern ihre Therapeuten, haben sie ihr Delikt "nicht ganz aufgearbeitet". Anwalt Bruno Steiner übersetzt: "Erst wenn der Batzen in des Therapeuten Kasse klingt, der Häftling in die Freiheit springt."

Es gab etliche Versuche, Hugo Portmann zu einer Therapie zu zwingen. Einmal, so eine amtliche Aktennotiz, war seine Gegenwehr so groß, "dass er von 13 Pflegern überwältigt und während drei Tagen fixiert werden musste".

2008 erwog man die "Modifikation" seines Gehirns. Angeregt hatte den Eingriff prakt. med. Lothar Reger. Zwar war Hugo Portmann unbestreitbar gesund. Doch der prakt. med. sah gerade in seinem Widerstand gegen die Therapie die eigentliche Krankheit. 2011 schrieb ein anderer externer Gutachter, dass die Zwangsmedikation "auch problemlos gegen den Willen des Rekurrenten durchführbar wäre und dazu führen könnte, dass er einer psychotherapeutischen Behandlung offener gegenüberstünde".