Zu den Dingen, die eigentlich jeder angstfrei hauen darf, zählt der sogenannte Kapitalismus, oft auch bezeichnet als "das System". Wahrscheinlich geht das so leicht, weil sich bei diesen Begriffen letztlich niemand gemeint fühlen muss, sind sie ja so diffus und ausgeleiert, dass sie nur noch für irgendein Ungleichgewicht stehen, das man in der Welt oder in sich selbst wahrzunehmen meint.

Bloß, weil dem so ist und man auf die Frage, welche Alternative einem denn nun besser erscheinen würde, letztlich auch nur mit den Schultern zucken kann, sollte man allerdings nicht aufhören, auf jene Stellen hinzuweisen, an denen einem etwas fundamental kankrös vorkommt.

Vergangene Woche nun hat die Krankenkasse Barmer eine Studie veröffentlicht, der zufolge immer mehr Menschen in Deutschland unter Depressionen, unter Angststörungen und Panikattacken leiden. Unter jungen Erwachsenen habe die Zahl der Depressiven zwischen 2005 und 2016 um 76 Prozent zugenommen. Gründe seien Zeit- und Leistungsdruck, finanzielle Sorgen und Zukunftsängste. Das wirklich Gruselige an der Mitteilung der Barmer war allerdings weniger dieses Attest selbst, sondern was der Vorstandsvorsitzende Christoph Straub als Abhilfe vorschlug.

Man kann Straub nicht vorwerfen, dass es von ihm keine Ideen gab, die an die Wurzeln des Problems rühren würden, das ist ja nicht sein Job. Sein Job ist es, auf die vortrefflichen Hilfsangebote der Barmer hinzuweisen, und eins davon sind nun "Online-Angebote" für seelisch kranke Menschen. Damit, so sagt Straub, könne auch die überproportionale Inanspruchnahme begrenzter psychotherapeutischer Plätze bei nur leichten Problemen reduziert werden, um so Platz zu schaffen für Betroffene, die dringender Unterstützung brauchten.

Aha. Fragt man beim Deutschen Psychotherapeutenverband nach, erfährt man, dass es in Deutschland keineswegs einen Mangel an approbierten Therapeuten gebe, nur erhielten viele keinen der offenbar rar gesäten Kassenplätze. Da spart das Gesundheitssystem. Private Therapeuten muss man aus der Portokasse bezahlen – und viele haben keine. Also gibt es bei den kassenzugelassenen Therapeuten meistens lange Wartezeiten, sie sind "überproportional in Anspruch genommen".

Stellen Sie sich vor, Sie wären depressiv, ausgebrannt, panisch, und Ihre Krankenkasse, die Barmer oder die TK oder die DAK, würde Ihnen nun statt eines Menschen, der Ihnen zuhört, ein Online-Angebot vorschlagen. Ich habe mir die Einführungsvideos solcher Kurse angesehen. "Hallo. Schön, dass Sie da sind", sagte mir da ein ergrauter Professor emeritus der Psychologie. Ich brauche derzeit keine Hilfe, aber dieser Ladentheken-Spruch allein, gerichtet natürlich nicht an mich, sondern an ein fremdes X, deprimierte mich schon ausgesprochen.

Wenn in einem Staat zunehmend seelisch kranke Menschen leben, der Staat sie also offenbar produziert, und die Hilfe darin besteht, dass man die Leute vor einen Bildschirm nötigt, an dem sie etwas anklicken dürfen und tröstliche Filmchen vorgespielt bekommen, ihnen dann noch gesagt wird, man lasse sie nicht allein, vielmehr dürften sie mit regelmäßigen E-Mails rechnen; dann kann man doch denken, dass da etwas faul sei in dem Staate und seiner Art, fragile Menschen aufzufangen. Dass dessen System, sagen wir meinetwegen der Kapitalismus, traurig macht.