Jan Störmer hielt es nicht mehr aus. Mitte Februar schickte er eine Mail an Freunde und Journalisten, in der er seinen Ärger über den geplanten Abriss des Deutschlandhauses am Gänsemarkt formulierte. Es sei beschämend für die Stadt und die Verantwortlichen, schrieb der Architekt, der mit seinem Büro unter anderem das neue Luxushotel The Fontenay an der Alster entworfen hat.

DIE ZEIT: Herr Störmer, warum regt Sie diese Entscheidung so auf?

Jan Störmer: Aus zwei Gründen. Erstens: Das Haus hat eine einmalige Geschichte. Zweitens: Bei den City-Hochhäusern am Hauptbahnhof hat sich die Stadt wenigstens getraut, an die Öffentlichkeit zu gehen. Beim Deutschlandhaus war der Prozess furchtbar verschwiegen.

ZEIT: Sprechen wir zunächst über die Geschichte des Hauses.

Störmer: Wir hatten eine riesige Diskussion um die City-Hochhäuser, und, ja, sie sind wichtig für die Stadt, sie stehen für die Nachkriegszeit, so etwas sollte meiner Meinung nach für die Nachwelt erhalten bleiben. Aber das Deutschlandhaus ist noch viel bedeutender: Es ist der Durchbruch zur Moderne in Hamburg! Das Haus wurde Ende der zwanziger Jahre gebaut, ein Stahlbau mit dieser charakteristischen runden Fassade, darin war eines der größten Kinos Europas. Ein total mutiger Bau der jüdischen Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld, deren Arbeit ich sehr bewundere. Das kann man doch nicht einfach so abreißen! Nicht nur ich bin entsetzt. Alle meine Freunde sagen mir: Jan, das kann doch nicht sein, so etwas kann die Stadt nicht zulassen!

ZEIT: Das Problem ist: Das Gebäude ist nicht denkmalgeschützt, also konnte es verkauft werden. Und der neue Besitzer hat das Recht, es abzureißen.

Störmer: Das ist richtig. Man kann dem Käufer allein keinen Vorwurf machen, das Denkmalschutzamt hat gemeinsam mit der Politik in den vergangenen Jahrzehnten haarsträubende Fehler gemacht. Die haben die Qualität des Hauses nicht erkannt. Natürlich, es wurden viele Umbauten nach dem Krieg gemacht, weswegen es heute schwer unter Denkmalschutz zu stellen ist. Aber jeder Umbau musste beantragt werden, und den Anträgen hat das Denkmalschutzamt zugestimmt, mit der Begründung: Wir sind nicht zuständig, das Haus steht ja nicht unter Denkmalschutz. Das ist ein Armutszeugnis, wie es schlimmer nicht sein kann. Dafür schämen sich die Denkmalschützer heute, das hat mir der Leiter persönlich gesagt.

ZEIT: Für den Neubau, der an dem Ort entstehen soll, gab es wohl einen Wettbewerb zwischen vier Büros.

Störmer: All das geschah hinter vorgehaltener Hand! Das geht gar nicht. Ich schätze Hadi Teherani sehr, er lebt ja auch in Hamburg. Aber gerade deshalb finde ich es nicht schön, wenn ein Architekt mit seinem Ruf nicht selbst erkennt: Ich mache hier einen Fehler. Und dankend ablehnt.

ZEIT: Sie hätten bei dem Wettbewerb nicht mitgemacht?

Störmer: Nein. Ich hätte mit allen Mitteln versucht, auf den Eigentümer einzureden und ihm zu sagen: Passen Sie auf, lassen Sie uns erst einmal über eine Sanierung reden. Fenster und Teile des Mauerwerkes sind nicht mehr original, das kann man gut reparieren. In Berlin baut man das Schloss neu auf, weil man findet, dass der Bau von so herausragender Bedeutung ist für die Stadt. Da muss es doch ein Leichtes sein, in Hamburg diese wundervolle Architektur zu retten.

ZEIT: Das Deutschlandhaus ist nicht das erste Gebäude in Hamburg, das historisch wertvoll ist und dennoch abgerissen wird.

Störmer: Daher rühren meine Aggression und meine Enttäuschung. Nehmen Sie das Hotel Prem in St. Georg. Viele Schriftsteller mit Rang und Namen waren dort, dieses Haus hatte eine wunderbare Vergangenheit, mit der sich Hamburg hätte rühmen können. Was macht die Stadt? Sie sagt: Weg damit, brauchen wir nicht. Das tut weh. Dafür liebe ich diese Stadt zu sehr. Ich bin zwar in Berlin geboren, aber ich fühle mich in Hamburg zu Hause und setze mich daher dafür ein, dass gute Architektur erhalten bleibt. Denn wo soll das mal hinführen? Sonst laufen sie bald durchs Kontorhausviertel und sagen: Ach, das kann doch weg, das steht nicht unter Denkmalschutz.