Kein Wort zu viel und keins zu wenig. Sayaka Muratas Die Ladenhüterin ist ein kleiner, gnadenloser Roman, der ohne jedes Mysterium auskommt und gerade deshalb völlig rätselhaft bleibt. Wenn er nach nicht mal 150 Seiten ausgelesen ist, weiß man, was sonst noch fehlt: ein außergewöhnliches Ereignis, das dem gleichförmigen Handlungsstrang eine entscheidende Wendung gegeben hätte, eine psychologische Entwicklung der Figuren, die bis zuletzt dieselben bleiben, die sie am Anfang schon waren. Im Verzicht auf jeden erzählerischen Kunstgriff zeigt sich Muratas Kunst. Die Überraschung ist, dass sich schließlich alles zu einer Liebesgeschichte fügt. Eine seltsame Liebe: Sie kommt aus dem Tiefkühlregal des Herzens und wird, weil ja niemand da ist, der das könnte, auch von niemandem erwidert.

Die Ich-Erzählerin heißt Keiko Furukura, ist 36 Jahre alt und jobbt als Aushilfe in einem kleinen, rund um die Uhr geöffneten Supermarkt. Furukura ist Mitarbeiterin der ersten Stunde: In ihrem Konbini, so heißt diese Art Geschäft in Japan, hat sie seit der Eröffnung (vor 19 Jahren!) acht Filialleiter überlebt, die meisten der ursprünglich verkauften Produkte sind längst nicht mehr im Sortiment. Dass sie in ihrer Arbeit aufginge, wäre untertrieben: "Häufig stand ich auch in meinen Träumen noch im Verkaufsraum, und Gedanken wie ›Oh, die neuen Kartoffelchips sind nicht ausgepreist‹ oder ›Wir haben so viel heißen Tee verkauft, wir müssen auffüllen‹ schreckten mich aus dem Schlaf. Mitunter wurde ich nachts sogar von meiner eigenen Stimme geweckt, weil ich so laut ›Herzlich willkommen!‹ gerufen hatte." Man könnte der Erzählerin eine problematische Work-Life-Balance bescheinigen oder, klassisch marxistisch, eine Deformation durch Zurichtung im materialistischen Zwangsverhältnis. Sie könnte eine Fallstudie aus Siegfried Kracauers Soziologie des Angestellten sein. Keiko Furukura ist vollendete Mimesis, die Uniform in Person. Tonfall, Schmuck, Frisur, Kleidung: Alles zielt auf maximale Ununterscheidbarkeit von ihren Kollegen.

Tatsächlich camoufliert sich hier aber ein sozialer Alien. Schon früheste Erinnerungen bezeugen die erstaunliche Herzenskälte. Ein tot aufgefundener Vogel soll, zum Trost der traurigen Kinder, liebevoll beerdigt werden. Im Beisein ihrer beschämten Mutter protestiert die kleine Keiko gegen solche Verschwendung. Man könne den Vogel doch ebenso gut mit nach Hause nehmen und verspeisen. "Mein Vater", rechtfertigt sich Keiko, "mochte Hähnchenspieße sehr, und Asami und ich waren ganz versessen auf Gegrilltes."

Asami, die glücklich verheiratete Schwester der Erzählerin, sorgt sich um Keiko. Dass diese, als nicht mehr taufrische Mittdreißigerin, noch immer als schlecht bezahlte Aushilfskraft arbeitet, wiegt dabei nicht so schwer wie die Tatsache, dass sie noch nie mit einem Mann zusammen war. Schließlich taucht eine neue Aushilfskraft auf. Herr Shiriha hat gelbe Zähne und einen schlechten Charakter. Jedenfalls nach Konbini-Maßstäben: Zu spät und ungewaschen zum Morgenappell, faul bei der Arbeit, arbeitet er, Hohn und Spott über den Filialleiter verbreitend, vom ersten Tag an auf seine Entlassung hin. Wie sich herausstellt, ist er auch noch obdachlos. Die Erzählerin ist abgestoßen von diesem Mann – und macht ihm einen Heiratsantrag. Er soll die Finger von ihr lassen, darf aber in der Badewanne übernachten, wo er auf seinem Tabletcomputer herumspielt und ungeduldig die Fertiggerichte einfordert, die Keiko ihm klaglos zubereitet. Dann gibt sie tatsächlich auch noch ihre Arbeit für ihn auf. So gerät die Heldin in die Krise. "Ich hatte", bekennt die Erzählerin, "mein ganzes Leben danach ausgerichtet, ob etwas dem Konbini dienlich war oder nicht, und nun meinen Bezugspunkt verloren." Die Möglichkeit, dass Keiko eine Familie gründet und nicht zur Arbeit zurückkehrt, gefährdet zumindest vorübergehend das Happy End des Romans. Denn der Konbini ist Keikos wahrer Bräutigam.

Ein literarisches Dokument des beschädigten Lebens? Man darf vermuten, dass es Sayaka Murata eher nicht um Kapitalismuskritik geht. Die 38-Jährige hat die renommiertesten Literaturpreise Japans bekommen, allein Die Ladenhüterin verkaufte sich dort 650.000-mal. Trotzdem arbeitet die Schriftstellerin bis heute selbst als Aushilfskraft in einem Konbini. Sie komme, erläutert Murata, dabei auf neue Romanideen, außerdem möge sie die Routine. Und ist mit ihrer Erzählerin vielleicht ganz ungebrochen einer Meinung: "Ein Konbini sollte für seine Kunden nicht nur ein Ort sein, an dem sie praktische und notwendige Dinge kaufen, sondern auch ein Ort der Freude und des Vergnügens." Wahre Liebe also. So schlicht und schön ist die Moral dieser befremdlich tröstlichen Geschichte.

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe; Aufbau Verlag, Berlin 2018; 160 S., 18,– €