Ohne Dieter Janecek hätte das Bundesverwaltungsgericht am Dienstag vielleicht anders entschieden. Daher beginnt die Geschichte, wie das Autoland Deutschland es zuließ, dass der Diesel womöglich schon bald aus vielen Innenstädten verbannt wird, in einer Münchner Wohnung an der Landshuter Allee.

Als Janecek dort im Jahr 2004 einzog, hat er sich zunächst über eine Sache gewundert. Die Miete war erstaunlich niedrig. Ein paar Fahrradtouren später ahnte der Grünen-Politiker, warum seine Wohnung so günstig war. Er konnte den Grund sogar riechen. Es lag am Ruß und am Gestank, der aus alten Diesel- und Benzinmotoren bis vor die Haustür zog.

Klar, die Landshuter Allee gehört bis heute zu den meistbefahrenen Straßen Deutschlands. Und doch konnte Janecek das alles kaum glauben. Deutschland, das wusste er aus der Zeitung, hatte sich doch längst verpflichtet, strengere Umweltgesetze für eine saubere Luft einzuhalten. Die Autos hätten dafür nur mit Rußpartikelfiltern umgerüstet werden müssen, und das Feinstaubproblem wäre gelöst gewesen. Aber nichts geschah. "An manchen Ecken fühlte ich mich wie ein Passivraucher", erinnert sich der heute 41-jährige Janecek.

Er blieb zwar an der Straße wohnen, aber er zog zugleich vor den Europäischen Gerichtshof.

Und gewann. In der "Rechtssache C-237/07 Dieter Janecek gegen Freistaat Bayern" heißt es am Ende sinngemäß, dass Anwohner von Straßen mit verschmutzter Luft bei Überschreitung von Grenzwerten die Behörden dazu zwingen können, Aktionspläne zu erstellen und umzusetzen.

Mit anderen Worten: Anwohner haben seit 2008 in Europa ein Recht auf saubere Luft.

Janecek, der heute als Grünen-Abgeordneter im Bundestag sitzt, hat mit diesem Richterspruch nicht nur einen Prozess gewonnen. Das Urteil ist auch ein Instrument gewesen für die Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die am Dienstag vor dem Bundesverwaltungsgericht entschieden wurde und in das Leben von Millionen Autofahrern eingreifen könnte. Denn Städte dürfen jetzt Diesel-Fahrverbote verhängen, damit die Luft sauberer wird.

Angela Merkel sagte früh, dass sie stolz auf das Autoland Deutschland sei

Wie kann es sein, dass der größte Stolz deutscher Ingenieurskunst, der Dieselmotor, Inbegriff von "made in Germany", schon bald die ein oder andere deutsche Großstadt umfahren muss?

Es ist ein ganzes Knäuel an Gründen, aber einer sticht am Ende hervor. Die Automanager dachten, dass allein der Verkauf neuer Dieselmodelle genügt, um die Klimaschutzvorgaben zu erreichen. Einfach weil Diesel weniger verbrauchen als Benziner. Was sonst noch hinten rauskommt, war lange Zeit egal. BMW, Daimler, Volkswagen und die anderen Konzerne konnten die DUH und ihren Geschäftsführer Jürgen Resch ignorieren, weil auf die Politik als Verbündeten stets Verlass war.

Seit 1998 findet sich in den Pressearchiven immer wieder das Attribut Autokanzler neben dem Namen des Regierungschefs. Damals zog Gerhard Schröder nach Berlin, der Mann, der mal für sich reklamierte, als Ministerpräsident von Niedersachsen und VW-Aufsichtsrat den großen Ferdinand Piëch an die Volkswagenspitze geholt zu haben.

Auch Angela Merkel fügte sich schon vor ihrer Wahl in ihr Schicksal, als die ADAC Motorwelt sie Anfang September 2005 fragte, was sie vom Begriff der Autokanzlerin halte und was Autofahrer von ihr erwarten könnten. Eine Antwort: "Ich halte das Auto für eine der großen Erfindungen der Menschheit. Ich bin stolz darauf, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Autoland ist. Ich werde alles dafür tun, dass Deutschland als Produktionsstandort der Automobilindustrie in der Welt weiterhin ganz vorne an der Spitze bleibt und dass die individuelle Mobilität der Menschen in unserem Land künftig nicht weiter behindert wird." Ein einst enger Vertrauter der Kanzlerin sagt: "Man kann sich in Deutschland als Kanzler mit der Autoindustrie arrangieren, oder man führt dauernd Krieg."

Merkel entschied sich für Frieden.

Die Autoindustrie ist eben ein Wohlstandsgarant. VWs Heimat Wolfsburg und Audis Heimat Ingolstadt zählen nach Pro-Kopf-Einkommen zu den reichsten deutschen Städten.