Vor ein paar Monaten erschien an der Technischen Universität Dresden eine Studie, die vielleicht mehr über die gefährdete Zukunft der Demokratie aussagt als jeder Wahlerfolg rechtsextremistischer Parteien, jede Armutsstatistik, jeder Terroranschlag. Die Dresdner Kommunikationswissenschaftler untersuchen darin, wie sich angehende Lehrer informieren und was sie über die demokratische Berichterstattung in diesem Land wissen. Leider wurde die Studie in der Öffentlichkeit nur wenig wahrgenommen. Die Ergebnisse müssten Eltern ins Grübeln bringen, Bürgern wie Politikern große Sorgen bereiten – und jeden Journalisten in tiefe Verzweiflung stürzen.

So lesen nur noch 20 Prozent der zukünftigen Pädagogen mehrmals pro Woche eine gedruckte Zeitung, 40 Prozent tun das so gut wie nie. Als erste Quelle für politische Informationen nennen die Lehramtsstudenten soziale Medien. Als entsprechend dürftig erweist sich der Kenntnisstand der Befragten. So kann weniger als die Hälfte der angehenden Lehrer die politische Linie von überregionalen Zeitungen korrekt einstufen, das heißt, sagen, ob FAZ oder taz eher konservativ oder links sind. Nur ein Drittel weiß, dass Journalisten in Deutschland keine offizielle Lizenz brauchen. Und 40 Prozent glauben, dass für einen Beitrag über ein Bundesministerium eine offizielle Genehmigung nötig ist. So wie es in Diktaturen üblich ist.

Wischen statt blättern

Woher angehende Lehrer in Deutschland ihre Informationen über das politische Zeitgeschehen beziehen, in Prozent

Quelle: TU Dresden, Reuters Digital News Survey 2017 © ZEIT-GRAFIK

Die Studie ist zu klein, um für ganz Deutschland repräsentativ zu sein. Aber ihr Befund passt zu einer Reihe von besorgniserregenden Beobachtungen, die man derzeit an vielen Orten machen kann. Man kann nur hoffen, dass die Dresdner Wissenschaftler nicht den Durchschnitt der zukünftigen Lehrerschaft trafen. Denn – und das ist der Clou der Studie – die befragten Pädagogen studieren nicht Sport, Physik oder Kunst, sondern Deutsch, Ethik, Geschichte und Politik. Zugespitzt formuliert heißt dies: Diejenigen, die zukünftigen Generationen die Welt erklären sollen, beziehen ihre Informationen über diese Welt in großen Teilen aus dem, was Freunde und Bekannte ihnen über Facebook und Co. auf den Bildschirm spülen.

Die wichtigste Schule der Demokratie ist die Schule selbst. Hier lernen die nächsten Generationen, warum jede Regierung eine Opposition braucht, welche Rechte die Verfassung den Bürgern gibt und weshalb es unabhängige Gerichte braucht, die diese Rechte schützen.

In Zukunft muss die Schule etwas Neues lehren, ohne das die Demokratie nicht überleben kann: die Fähigkeit, sich kompetent zu informieren und im Internet Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Denn wenn es stimmt, dass im Digitalzeitalter jeder ein bisschen Journalist ist, dann muss auch jede Schule ein wenig zur Journalistenschule werden. Hier müssen die Schüler erfahren, dass jede neue Nachricht, um glaubwürdig zu sein, mindestens zwei unabhängige Quellen braucht und jede Meinung eine Gegenmeinung. Dass eine Behauptung nicht dadurch zur Tatsache wird, dass sie aus dem Freundeskreis kommt. Dass man für alles, was man veröffentlicht, Verantwortung trägt.

Zwar wird die digitale Bildung überall diskutiert. Fünf Milliarden Euro haben die Kultusminister für mehr Computer in Klassenzimmern und bessere Internetverbindungen vorgesehen. Die Lehrer sollen Englisch, Physik oder Geschichte nicht allein an der Tafel, sondern auch per Tablet oder Smartphone vermitteln, die Schüler sollen programmieren lernen und Wissen im Internet recherchieren. Eine Kompetenz jedoch fehlt bislang in fast allen digitalen Bildungsplänen, und gerade sie dürfte sich langfristig als die wichtigste erweisen: das Vermögen, den Wahrheitsgehalt einer Information einzuschätzen. Nachrichtenkompetenz nennen es die Dresdner Forscher.

Vor dem Internetzeitalter war diese Qualifikation deutlich weniger wichtig. Da fanden die Bürger die relevanten Informationen morgens in der Zeitung oder auf dem Fernsehbildschirm – im Idealfall gefiltert und aufbereitet von professionellen Nachrichtenbearbeitern, Journalisten genannt. Über gut hundert Jahre entstand so jeden Tag aufs Neue eine demokratische Öffentlichkeit.

Ohne soziale Medien säße Trump wohl nicht im Weißen Haus

Nun geht diese Zeit zu Ende. Die Auflage der Tageszeitungen in Deutschland hat sich in den vergangenen 15 Jahren fast halbiert, die Zuschauer von Tagesschau und heute werden stetig älter. Wie grundlegend sich das Medienverhalten verändert, hat kürzlich das Hamburger Hans-Bredow-Institut dokumentiert. Während die Babyboomer (die zwischen 1955 und 1969 Geborenen) sich noch zu fast zwei Dritteln hauptsächlich über das Fernsehen auf dem Laufenden halten, sind es bei den Angehörigen der "Generation Y", der Jahrgänge zwischen 1980 und 2000, nur noch 24 Prozent (siehe auch Grafik). Ein Fünftel der heute 18- bis 24-Jährigen bildet sich seine politische Meinung allein über soziale Medien im Internet, ohne jede andere Quelle.

Die junge Generation informiert sich also im Netz, wobei es richtiger heißen muss: Oft informiert das Netz sie. Denn immer häufiger steuern die Jungen die Online-Medien von Spiegel, SZ oder ZEIT nicht mehr direkt an. Stattdessen lassen sie die Links von Facebook oder WhatsApp sowie die Algorithmen von YouTube darüber entscheiden, welche Neuigkeiten überhaupt zu ihnen durchdringen. Was früher die Nachrichtenlage war, ist heute eine Melange aus Artikeln von Nachrichtenportalen und Blog-Einträgen, Kommentaren und Tweets, Auszügen von Nachrichtensendungen und privaten Handyfilmchen. Eine individuelle Infosuppe auf dem Smartphone.

Je jünger, desto digitaler

Hauptnachrichtenquellen von Bürgern aus 36 Ländern weltweit, in Prozent

Quelle: TU Dresden, Reuters Digital News Survey 2017 © ZEIT-GRAFIK

Diese Entwicklung bringt auch Vorteile mit sich. Es ist noch nicht lange her, da feierte man das Ende des Informationsmonopols der traditionellen Nachrichtenvermittler. Die neue Vielfalt der Medien, dachten viele, führe zu einer Vielfalt der Meinungen und damit automatisch zu mehr Demokratie und Freiheit. Heute feiert kaum noch jemand. Denn jeden Tag offenbart das Netz in seiner gegenwärtigen Architektur seine politischen Pathologien: den Sieg der Schnelligkeit über die Wahrhaftigkeit, die Instrumentalisierung der sozialen Medien durch staatlich gelenkte Nachrichtenfälscher, die Verführung durch Populisten, den Triumph der Schwarmdummheit.

"Mit der Zentralität verliert die Öffentlichkeit ihre innere Ordnung und Verlässlichkeit", schreibt der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio. "An die Stelle von journalistischer Recherche tritt das zusammengeklickte Momentanwissen in Erregungszuständen. Die öffentliche Meinung wird volatiler und verführbarer." Am Ende, so die Befürchtung, zerfällt die Öffentlichkeit in eine Ansammlung von digitalen Stammtischen, die alle ihre eigene politische Wahrheit pflegen. Das wäre der Anfang vom Ende der Demokratie.

Wie real diese Gefahr ist, zeigen die USA. Wo Millionenstädte wie New Orleans keine Tageszeitung mehr haben, Facebook laut dem Pew Research Center für die unter 30-Jährigen zur wichtigsten Nachrichtenquelle geworden ist – und die Wähler einen vielfach überführten Lügner zum Präsidenten gemacht haben. Politische Beobachter sind sich weitgehend einig: Ohne soziale Medien säße Trump wohl nicht im Weißen Haus, und stünden sich Katalanen und Spanier nicht so unversöhnlich gegenüber, würde Großbritannien Mitglied der Europäischen Union bleiben. Soziale Medien neigen im Kampf um die Aufmerksamkeit zum Propagieren extremistischer Positionen. Sie säen damit Zwietracht und "zerstören die Demokratie", so der britische Historiker Niall Ferguson.

Nun könnte man meinen, gerade die Digital Natives lassen sich auf dem Facebook-Feld von niemandem etwas vormachen. Wer mit dem Internet aufgewachsen ist, sollte seine Fallen und Verführungen kennen. Leider ist das Gegenteil richtig. Das haben Forscher der Stanford Graduate School of Education gezeigt, indem sie die Nachrichtenkompetenz von Schülern und Studenten testeten. Die Mehrheit von ihnen konnte nicht zwischen Nachrichten und als Nachricht getarnter Werbung (native advertising) unterscheiden. Nur eine Minderheit wusste, was die blauen Häkchen bedeuten, mit denen Facebook oder Twitter Meldungen kennzeichnen, deren Quellen sie verifiziert haben.

Und als die Forscher den Jugendlichen zwei unterschiedliche Artikel über den Klimawandel aus dem Internet vorlegten – der eine war von Wissenschaftlern verfasst, der andere kam von einem Erdölkonzern –, billigten die meisten Schüler dem PR-Beitrag mehr Überzeugungskraft zu. Der Grund: Die Öl-Lobbyisten hatten ihren Text mit Tabellen und Grafiken versehen. Für die Schüler erhöhten solche optischen Signale automatisch die Glaubwürdigkeit des Artikels.

Selten steht die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in Curricula

Für Deutschland fehlen solche Untersuchungen zur politischen Nachrichtenkompetenz bislang. Den kritischen Umgang mit allgemeinen Quellen aus dem Netz beherrschen aber auch deutsche Schüler nur unzureichend, wie die International Computer and Information Literacy Study 2014 herausfand.

An fast jeder Schule gibt es heute ein Anti-Mobbing-Projekt. Hier lernen die Schüler, dass man mit falschen Behauptungen über Klassenkameraden im Netz viel Unheil anrichten kann. Dass man auch die Demokratie mobben kann, indem man falsche Nachrichten weiterleitet, wissen die wenigsten.

Doch wo sollen sie die Fähigkeit, glaubwürdige Nachrichten zu erkennen, auch hernehmen? In der Schule wird sie bislang kaum unterrichtet. Selten steht die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in Curricula oder Schulbüchern; schon gar nicht findet man sie in den Ausbildungsplänen der Hochschulen für Lehrer.

Selbst in den unzähligen Konzepten zur Medienbildung sucht man Begriffe wie Fake-News, Filterblase oder Social Bots meist vergeblich. Bislang, so der Gießener Politikwissenschaftler Wolfgang Sander, konzentriere man sich in der Schule fast ausschließlich auf die "instrumentellen Fähigkeiten", also den Umgang mit Geräten und Programmen. "Aber es darf nicht nur um die Frage gehen, wie ich die digitalen Medien effektiv im Unterricht nutzen kann. Die Schule muss ebenso fragen, was die Digitalisierung für unser Leben und unser Zusammenleben bedeutet."

Medienbildung und politische Bildung lassen sich heute nun mal nicht mehr voneinander trennen. International ist man da vereinzelt etwas weiter. Das italienische Erziehungsministerium etwa plant, das Thema Nachrichtenkompetenz in allen 8.000 Sekundarschulen auf den Lehrplan zu setzen. Spezielles Unterrichtsmaterial soll die Schüler gegen Falschnachrichten und Verschwörungstheorien wappnen.

Old school

Berücksichtigung von Medientypen in deutschen Lehrplänen, in Prozent

Quelle: TU Dresden, Reuters Digital News Survey 2017 © ZEIT-GRAFIK

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, welche die Pisa-Erhebung verantwortet, will ihren klassischen Untersuchungskanon erweitern, kündigt OECD-Koordinator Andreas Schleicher an. Neben Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften soll Pisa in Zukunft auch globale Fertigkeiten (global skills) testen – darunter die Fähigkeit, zu erkennen, was wahr und was nicht wahr ist.

In Zeiten beliebig manipulierbarer Fakten und Fotos, Audiodateien und Videos wird die Unterscheidung von Wahrem und Nichtwahrem zur zentralen Aufgabe bei jeder Informationsbeschaffung und mindestens so wichtig (und manchmal ebenso aufwendig) wie die Recherche selbst. Wer aber mit solchen Fähigkeiten aufwarten will, der muss einiges lernen. Stoff für Nachrichtenkompetenzprojekte ist reichlich vorhanden. Konkret müssten Schüler zum Beispiel wissen, warum Suchmaschinen bei gleichen Suchbegriffen je nach Nutzer andere Ergebnisse ausspucken. Wie Algorithmen für jeden Nutzer eine individuelle Informationsblase produzieren.

Je skurriler und extremer, desto besser

Man muss verstehen, dass, wer sich über Facebook informiert, nur erfährt, was in seiner Welt los ist – und nicht, was in der Welt passiert. Schüler müssen wissen, dass anzeigengetriebene Medien wie YouTube einen automatisierten Drang zur Polarisierung haben: Um die Nutzer möglichst lange auf ihrer Seite zu halten, sind die Programme so optimiert, dass sie die User nicht langweilen. Je skurriler und extremer, desto besser.

Ein anderes Lernziel wäre die Erkenntnis, dass es im Grunde keine passive, rein konsumierende Haltung im Internet gibt. Denn nicht nur, wer einen Film, Tweet oder ein Blog ins Netz stellt, produziert eine Nachricht. Auch das Kommentieren, Liken und Weiterleiten ist aktive Teilnahme. Selbst das bloße Zuschauen ist eine aktive und auch politische Handlung: Je mehr Nutzer eine Meldung hat, desto höher wird sie in den Suchmaschinen gerankt, desto mehr Klicks bekommt sie – egal, ob sie richtig oder falsch ist.

Sam Wineburg, der Autor der Stanford-Studie über das Medienverhalten US-amerikanischer Jugendlicher, empfiehlt den Schulen, die wohl wichtigste journalistische Tugend in den Bildungskanon aufzunehmen: Skepsis. Woher stammt die Information? Wer hat ein Interesse daran, sie zu verbreiten? Gibt es für Behauptungen Belege?

Schon mit ein paar einfachen Fragen lassen sich die meisten Fake-News als ebensolche erkennen, die ZEIT hat zehn Regeln erstellt. Und natürlich schadet es nicht, mindestens einmal am Tag eine professionelle Nachrichtenquelle zu konsultieren – selbst wenn diese etwas kostet. Die meisten der unter 30-Jährigen halten das übrigens nicht mehr für notwendig. Laut einer Umfrage von Allensbach sind 61 Prozent von ihnen überzeugt, dass man sich nicht mehr täglich über das Geschehen auf den neuesten Stand bringen muss, da die Informationen im Netz ja bei Bedarf vorhanden sind. Die Folge: Das Interessenspektrum schrumpft. Schon Kinder und Jugendliche würden heute daran gewöhnt, nur noch Themen abzurufen, die sie von vornherein interessieren, schrieb Institutsleiterin Renate Köcher kürzlich in der FAZ.

Zur Steigerung der Nachrichtenkompetenz in der Schule bräuchte es nicht ein neues Unterrichtsfach. Ein paar gut vorbereitete Stunden im Politik- oder Deutschunterricht würden für eine journalistische Minimalkompetenz reichen. Brauchbares Material bekommt man bei der Bundeszentrale für politische Bildung oder dem Projekt "So geht Medien" des Bayerischen Rundfunks. Flankierend könnte man im Ethikunterricht über Wahrheit und Objektivität diskutieren sowie über die Frage, was Öffentlichkeit und Privatheit, Meinungsfreiheit und Zensur im digitalen Zeitalter bedeuten. In Geschichte ließe sich die Zuverlässigkeit von Internetquellen analysieren, die Informationen über den Nationalsozialismus liefern.

Noch besser lässt sich Medienkompetenz praktisch vermitteln. Ein Blog zu einem selbst recherchierten Thema schreiben kann jeder. Oder warum nicht eine Nachrichtensendung erstellen mit kontroversen Themen aus der Nachbarschaft? Früher war das unmöglich. Heute lässt sich mit jedem Smartphone ein Nachrichtenclip drehen und schneiden: über die Flüchtlingsunterkunft im Viertel, den verdreckten Spielplatz um die Ecke, das Handyverbot in der Schule.

Auf neue Lehrpläne sollten die Schulen nicht warten. Denn der Strukturwandel der Öffentlichkeit vollzieht sich rasend schnell. Das Smartphone ist erst zehn Jahre alt – und hat das Kommunikationsverhalten schon völlig verändert. Vor zwei Jahren war der Begriff Fake-News noch unbekannt, heute beherrscht er die politische Debatte.

Eine Demokratie braucht unabhängige Medien. Es gibt keine demokratische Öffentlichkeit ohne informierte Bürger. Solche Merksätze predigen Lehrer seit Jahrzehnten. Bisher mussten die Schüler das nur richtig wiederholen. Ab jetzt müssen sie solche Sätze wirklich verstehen.

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