Man muss verstehen, dass, wer sich über Facebook informiert, nur erfährt, was in seiner Welt los ist – und nicht, was in der Welt passiert. Schüler müssen wissen, dass anzeigengetriebene Medien wie YouTube einen automatisierten Drang zur Polarisierung haben: Um die Nutzer möglichst lange auf ihrer Seite zu halten, sind die Programme so optimiert, dass sie die User nicht langweilen. Je skurriler und extremer, desto besser.

Ein anderes Lernziel wäre die Erkenntnis, dass es im Grunde keine passive, rein konsumierende Haltung im Internet gibt. Denn nicht nur, wer einen Film, Tweet oder ein Blog ins Netz stellt, produziert eine Nachricht. Auch das Kommentieren, Liken und Weiterleiten ist aktive Teilnahme. Selbst das bloße Zuschauen ist eine aktive und auch politische Handlung: Je mehr Nutzer eine Meldung hat, desto höher wird sie in den Suchmaschinen gerankt, desto mehr Klicks bekommt sie – egal, ob sie richtig oder falsch ist.

Sam Wineburg, der Autor der Stanford-Studie über das Medienverhalten US-amerikanischer Jugendlicher, empfiehlt den Schulen, die wohl wichtigste journalistische Tugend in den Bildungskanon aufzunehmen: Skepsis. Woher stammt die Information? Wer hat ein Interesse daran, sie zu verbreiten? Gibt es für Behauptungen Belege?

Schon mit ein paar einfachen Fragen lassen sich die meisten Fake-News als ebensolche erkennen, die ZEIT hat zehn Regeln erstellt. Und natürlich schadet es nicht, mindestens einmal am Tag eine professionelle Nachrichtenquelle zu konsultieren – selbst wenn diese etwas kostet. Die meisten der unter 30-Jährigen halten das übrigens nicht mehr für notwendig. Laut einer Umfrage von Allensbach sind 61 Prozent von ihnen überzeugt, dass man sich nicht mehr täglich über das Geschehen auf den neuesten Stand bringen muss, da die Informationen im Netz ja bei Bedarf vorhanden sind. Die Folge: Das Interessenspektrum schrumpft. Schon Kinder und Jugendliche würden heute daran gewöhnt, nur noch Themen abzurufen, die sie von vornherein interessieren, schrieb Institutsleiterin Renate Köcher kürzlich in der FAZ.

Zur Steigerung der Nachrichtenkompetenz in der Schule bräuchte es nicht ein neues Unterrichtsfach. Ein paar gut vorbereitete Stunden im Politik- oder Deutschunterricht würden für eine journalistische Minimalkompetenz reichen. Brauchbares Material bekommt man bei der Bundeszentrale für politische Bildung oder dem Projekt "So geht Medien" des Bayerischen Rundfunks. Flankierend könnte man im Ethikunterricht über Wahrheit und Objektivität diskutieren sowie über die Frage, was Öffentlichkeit und Privatheit, Meinungsfreiheit und Zensur im digitalen Zeitalter bedeuten. In Geschichte ließe sich die Zuverlässigkeit von Internetquellen analysieren, die Informationen über den Nationalsozialismus liefern.

Noch besser lässt sich Medienkompetenz praktisch vermitteln. Ein Blog zu einem selbst recherchierten Thema schreiben kann jeder. Oder warum nicht eine Nachrichtensendung erstellen mit kontroversen Themen aus der Nachbarschaft? Früher war das unmöglich. Heute lässt sich mit jedem Smartphone ein Nachrichtenclip drehen und schneiden: über die Flüchtlingsunterkunft im Viertel, den verdreckten Spielplatz um die Ecke, das Handyverbot in der Schule.

Auf neue Lehrpläne sollten die Schulen nicht warten. Denn der Strukturwandel der Öffentlichkeit vollzieht sich rasend schnell. Das Smartphone ist erst zehn Jahre alt – und hat das Kommunikationsverhalten schon völlig verändert. Vor zwei Jahren war der Begriff Fake-News noch unbekannt, heute beherrscht er die politische Debatte.

Eine Demokratie braucht unabhängige Medien. Es gibt keine demokratische Öffentlichkeit ohne informierte Bürger. Solche Merksätze predigen Lehrer seit Jahrzehnten. Bisher mussten die Schüler das nur richtig wiederholen. Ab jetzt müssen sie solche Sätze wirklich verstehen.

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Artikels hatte es geheißen, blaue Verifizierungshäkchen gebe es bei Facebook und Twitter. Twitter macht das aber nicht. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion

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