Eigentlich kann es dieses Gemälde nicht geben, derart zukünftig sieht es aus. Ein verstrahltes Durcheinander grüner Pfeile, zu Palmenfächern gebündelt, dazwischen schlängelt sich eine schwarz-weiße Doppelhelix. Im Zickzack darüber ein leuchtend gelber Zollstock. Le Frecce della Vita ist ein irres Gemälde. Irrer noch mutet allerdings seine Entstehung an: Es wurde 1928 von Giacomo Balla gemalt, einem begeisterten Anhänger von Benito Mussolini, der damals schon sechs Jahre lang über Italien herrschte. Sollte das grandiose Bild von einem faschistischen Künstler stammen?

Diese Frage stellt sich gleich mehrfach in der gerade in Mailand eröffneten Ausstellung Post Zang Tumb Tuuum, die von der Kunst, dem Leben und der Politik im Italien der Jahre 1918 bis 1943 erzählt. In der Fondazione Prada hat der Kurator Germano Celant für dieses gigantische Projekt mehr als fünfhundert Kunstwerke aus Dutzenden Museen und Privatsammlungen zusammengezogen. Akribisch wird hier dokumentiert, welche Kunst unter dem Faschismus öffentlich ausgestellt wurde – was in diesem Umfang noch kein staatliches Museum gemacht hat.

Die Jahre des Faschismus waren in Italien, so erfährt man, äußerst produktiv. Der Duce ließ nicht nur monumentale Gebäude in Rom errichten, er investierte auch viel Geld in die Kunst. Das Regime veranstaltete Dutzende neuer Ausstellungsreihen, schickte Kunstwerke auf Tourneen ins Ausland, verlieh Preise, war geradezu besessen von neuen Möglichkeiten der Kunstpräsentation. Die meisten Künstler ließen es sich gefallen – und verdienten prächtig an Staatsaufträgen.

Einige verstanden sich als Mitkämpfer des Faschismus, andere sogar als dessen Avantgarde, allen voran manche der Futuristen, für die der Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti 1909 das berühmte Manifest geschrieben hatte, in dem er die Zerstörung alles Althergebrachten propagierte und den Krieg feierte. Auch der Titel der Ausstellung stammt aus einem futuristischen Gedicht von ihm. Der Faschismus habe seinen Nährboden in den Prinzipien des Futurismus, erklärte Marinetti. Und so malte ihn sein Freund Fortunato Depero auch gleich als zackigen Patrioten, dem energische Pfeile und Blitze in den italienischen Landesfarben aus dem Kopf fahren. Von Depero hängt in Mailand neben vielen anderen Werken auch ein farbenfroher Wandteppich von 1925, der das Gegenbild zu Picassos später entstandenem Guernica ist: Beim Guerra-Festa schießt eine Kanone Granaten mit lustigem Regenbogenschweif durch eine Gebirgslandschaft, dazu spritzt pinkes Blut munter aus den orangefarbenen Köpfen und Leibern der Soldaten – das Morden als begeisterndes Feierwerk.

Im selben Jahr malte Giacomo Balla an einem riesigen, zehn Meter hohen Gemälde, das die "Apotheose des Faschismus" werden sollte, von dem er allerdings nur drei Tafeln beendete: Le mani del popolo italiano zeigt eine rote und eine grüne Hand, die sich psychedelisch-plakativ zu einem strahlenden weißen Stern emporrecken. In diesem Gemälde äußere sich die wahre Leidenschaft Ballas für den Faschismus, schrieb eine Zeitung 1926.

Vor allem für den Besucher aus Deutschland, für den die heimische Variante des Faschismus eng mit der Denunziation der "entarteten Kunst" verbunden ist, mutet es überraschend an, dass im faschistischen Italien auch sozialistisch-expressionistische oder gänzlich abstrakt malende Künstler staatlich gefeiert wurden. Man sieht Fotos, auf denen sich Mussolini wohlwollend über dadaistisch anmutende Collagen beugt. Es liege ihm fern, irgendeine Idee von Staatskunst zu propagieren, hatte der Duce 1923 bei der Eröffnung einer Ausstellung der sogenannten Novecento-Gruppe gesagt.

Ebendiese Novecento-Künstler propagierten im Gegensatz zu den Futuristen eine eher an alten italienischen Traditionen orientierte Kunst. So malte Mario Sironi in erdigen Farben grobschlächtige Arbeiter und Bauern oder auch tumbe Soldaten mit düsterem Blick und geschultertem Gewehr. Und Adolfo Wildt meißelte den Duce besonders quadratschädlig in Marmor.

Mit der Einführung der Rassegesetze in Italien 1938 begann man auch hier verschärft, Menschen zu verfolgen und Bücher jüdischer Autoren auszusortieren. Nun wurde vermehrt brave Kunst gezeigt und in einigen Artikeln – wie in Nazi-Deutschland – vor "degenerierten" und jüdischen Künstlern gewarnt. Doch kam es bis zum Kriegsende nicht zu einer ähnlich groß angelegten Vernichtung oder Verbannung moderner Kunstwerke wie im Deutschen Reich.

Die Stifterin und Modedesignerin Miuccia Prada hatte sich gewünscht, dass diese Ausstellung die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Künstler herausarbeitet und damit auch deren ästhetische Kompromisse zeigt. Wirklich eingelöst wird die Idee leider nicht. Unklar bleibt auch, warum das Regime die Künstler zwar für seine Zwecke instrumentalisierte, ihnen aber zugleich große, in Deutschland undenkbare Freiheitsräume beließ.

Immerhin erzählt die Ausstellung vom Schicksal einiger aufrechter Gegner des Regimes: vom Künstler, Schriftsteller und antifaschistischen Aktivisten Carlo Levi zum Beispiel, der Frauenleichen in einem Konzentrationslager malte und trotz seiner Verurteilung zu Haft und Verbannung noch 1937 in Rom ausstellen konnte. Neben zahlreichen Gemälden ist seine Polizeiakte zu sehen. In derselben Vitrine liegen zwei Briefe des Kommunisten Antonio Gramsci, des wichtigsten italienischen Denkers im 20. Jahrhundert, der im April 1937 nach rund zehn Jahren politischer Haft, Verbannung und Arrest an einer Hirnblutung starb. Während die faschistischen Künstler mit dickem Tintenfüllerstrich Jubelbotschaften austauschten, schrieb Gramsci aus dem Gefängnis über seine Sehnsucht nach italienischer Poesie – in kleinen und äußerst zarten Buchstaben.

"Post Zang Tumb Tuuum", Fondazione Prada, Mailand, bis 25. Juni. Der Katalog kostet 90,– €

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