DIE ZEIT: Herr Spreng, Sie waren der Chefredakteur der Kölner Boulevardzeitung Express, als vor 30 Jahren das Geiseldrama von Gladbeck begann. Erinnern Sie sich daran, wie Sie jene Tage erlebten?

Michael Spreng: Natürlich, solche Tage vergessen Sie nie. Das ist bei mir alles sehr präsent. So etwas hatte es in Deutschland ja noch nie gegeben. Das war ein einschneidendes Erlebnis in meinem Leben.

ZEIT: Das Geiseldrama zog sich 1988 über drei Tage hin. Bei einem Banküberfall in Gladbeck im Ruhrgebiet hatten zwei Räuber Geiseln genommen, bekamen das geforderte Lösegeld, ließen aber die Geiseln nicht frei, flohen, wechselten mehrfach das Fluchtauto, hielten an einer Imbissbude, besorgten sich Schlaftabletten in einer Apotheke, irrten in ihrem Wagen quer durchs Land, von Gladbeck über Hagen nach Bremen, später in die Niederlande, schließlich zurück nach Deutschland.

Spreng: An die Anfänge des Geiseldramas erinnere ich mich nicht genau, dafür umso genauer an den Morgen in der Kölner Innenstadt. Ich war ins Büro gegangen, ganz normal, wie jeden Tag. Ich wohnte damals nur 150 Meter vom Verlagsgebäude entfernt. Im Büro sah ich die Meldungen der Nachrichtenagenturen, die bei uns über den Ticker liefen. Das Ereignis war allen vor Augen, aber keiner konnte wissen, dass die Geiselnehmer die Kölner Innenstadt ansteuern würden.

ZEIT: Wie bekamen Sie mit, dass die Geiselnehmer in Köln angekommen waren?

Spreng: Mehrere Reporter meldeten mir: "Die sind hier. Die stehen in der Fußgängerzone." Daraufhin begann dieser unglaubliche Auftrieb. Heerscharen von Journalisten, auch Fernsehteams, hielten sich vor dem Wagen der Geiselnehmer auf, filmten, fotografierten, führten Interviews. Alles ging wild durcheinander. Das war ein Fall von kollektivem Medienversagen.

ZEIT: Ganz vorn in der Reportermenge stand Ihr damaliger Stellvertreter Udo Röbel.

Spreng: So ist es.

ZEIT: Sie haben das alles selbst beobachtet?

Spreng: Ja, das Ganze spielte sich ja direkt vor unserer Redaktion ab, nur 50 Meter entfernt. Ich ging sofort zu unserem Verleger, dem inzwischen verstorbenen Alfred Neven DuMont, um ihm mitzuteilen, was dort geschah. Vor seinem Büro im ersten Stock hatte er eine Terrasse, von der man die gesamte Szene genau sehen konnte. Auf dieser Terrasse versammelten sich dann der Verleger, weitere Verantwortliche des Verlags und auch ich. Wir haben alles beobachtet.

ZEIT: Wie lange standen Sie da?

Spreng: Die ganze Zeit – so lange, bis das Auto der Geiselnehmer schließlich wegfuhr. Ich habe natürlich mitbekommen, dass plötzlich mein Stellvertreter Udo Röbel in diesem Wagen war, nachdem er mit den Geiselnehmern geredet hatte. Wild fuchtelnd, dirigierte er die anderen Journalisten zur Seite, stieg ein und fuhr mit.

ZEIT: Was dachten Sie in jenem Moment?

Spreng: Ich war fassungslos, völlig fassungslos. Ich konnte es nicht glauben.

ZEIT: Fassungslosigkeit kann beides meinen: Erschrecken, aber auch Bewunderung.

Spreng: Nein, keine Bewunderung, überhaupt nicht. Mir war sofort klar, dass das eine unverantwortliche Grenzüberschreitung für einen Journalisten war. Ich konnte es aber weder beeinflussen noch rückgängig machen. Außerdem hatte ich große Angst um den Kollegen. Er hatte sich einer Lebensgefahr ausgesetzt.

ZEIT: Wie hat Ihre Runde auf der Terrasse reagiert?

Spreng: Der Verleger war natürlich auch entsetzt. Als das Auto der Geiselnehmer schließlich wegfuhr, sind wir zurück in die Redaktion gegangen, um zu verfolgen, wie alles weitergeht.

ZEIT: Ihr Stellvertreter hatte sich den Geiselnehmern als Lotse angeboten. Weit außerhalb der Stadt, an der Autobahnraststätte Siegburg-West, stieg er aus. Als die Polizei später das Drama beendete, erschoss einer der Gangster eine 18-jährige Geisel. Ihr Kollege war als einziger Journalist im Wagen mitgefahren. Eine solche Form von Komplizenschaft war in der deutschen Mediengeschichte noch nicht vorgekommen.

Spreng: An der Raststätte war sein unrühmlicher Part beendet. Danach kehrte er in die Redaktion zurück. Ich habe ihm natürlich Vorwürfe gemacht und ihm gesagt, dass wir um sein Leben gebangt hatten. Röbel war aber noch voller Adrenalin und aufgeputscht. Ich glaube, er hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Tragweite seines Handelns erkannt. Er hat dann auch erst mal seinen Artikel über die Flucht geschrieben.

ZEIT: Sie waren entsetzt, haben aber seinen Text gedruckt?

Spreng: Das ist etwas, was ich mir vorwerfen muss. Wir haben den Artikel veröffentlicht. Zur Schadensbegrenzung hätte gehört, den Artikel nicht zu drucken und Röbel stattdessen von einem unbeteiligten Kollegen mit der notwendigen Distanz interviewen zu lassen. Ich habe damals einem falschen Reporter-Impuls nachgegeben. Darüber hinaus habe ich mir aber keine Vorwürfe zu machen.